Kieler Nachrichten, Online-Version vom 20.08.09

von Michael Struck | kn

Raritäten der Klaviermusik in Husum: Gestreichelte Tasten und sichere Hände

Husum - Der mittlere Block der Husumer Raritätenkonzerte könnte inhaltlich und interpretatorisch kaum unterschiedlicher starten. Da greift Nina Tichman (USA) Montag „objektiv“-beherzt in die Tasten, dosiert Zäsuren und Klangdelikatessen zunächst eher sparsam, behält bei Höchstanforderungen aber unbeirrbar den Überblick. Dagegen scheint der Franzose Denis Pascal am Dienstag die Tasten zu streicheln und entlockt ihnen mit improvisatorisch freiem Spiel zauberhafte Farb-Töne.

Bleibt Tichman in Mozarts barockisierendem, harmonisch auffallend progressivem Suitenfragment KV 399 und bei Haydn (Sonate B-Dur Hob. XVI/2) etwas holzschnitthaft, so hat sie für Schumanns Klavierstücke op. 32 feinere Zeichenstifte parat - vor allem für die dezent staccatierte Romanze und die elegische Fughetta. Samuel Feinbergs scheinbar skrjabinnahe, bei näherem Hinhören durchaus eigenständige einsätzige 2. Sonate op. 2 findet an Tichmans sicherer Hand ohne Probleme den weiten Weg nach a-Moll. In drei Sea Pieces Edward McDowells zeigt die Pianistin Klangfreude und bringt Elliott Carters einleuchtend konstruierte Sonate (1945/82) mit ihren Oktav-Stützpfeilern und fein integrierten Oberton-Liegebändern fesselnd zum Sprechen und Leuchten. Bravo!

Tags darauf genießt und bewundert man Pascals Klangalchemie. Und sehnt sich in all dem prä-, hoch- und postimpressionistischen Fließen vielleicht doch nach mehr kompositorischen Konturen. So entfaltet Charles Koechlins Ballade op. 50 in mehreren „Strophen“ zunächst vorwiegend Lyrisches, ehe es (sehr) spät zur Zusammenfassung, Verdichtung, Zuspitzung kommt - zu dem also, was der Titel „Ballade“ verspricht. Schärfere Umrisse haben Arnold Bax' What The Minstrel Told Us (1919), eine ernst-moderne Romanze, und Marcel Milahovicis Cinq Bagatelles op. 37, die ebenso kurzweilig-prägnant komponiert sind, wie Pascal sie spielt. Jean Wiéners Sonatine syncopée aus dem Experimentalstrudel der frühen 20er Jahre charmiert, auch wenn Pascal (der klanglich fast noch mehr, in puncto Virtuosität aber weniger austrainiert wirkt als 2008) sie trockener, bissiger nehmen könnte - so wie sie da mitten aus Strawinskys Petruschka aufs Podium zu hechten scheint.
Über Eliane Rodrigues, die vor zwei Jahren in Kiel als Solistin der Philharmoniker überzeugte, braucht hier eigentlich nicht weiter berichtet zu werden. Denn die Werkeinführung des Mittwochskonzertes enthält schon eine vorweggenommene kurze Lobeshymne ihres Husumer Auftritts - ein Ausrutscher des informativen Raritäten-Programmheftes. So sei nur erwähnt, dass die Pianistin bei Villa-Lobos (Auswahl aus 5Prole do Bébé und Saudades das selvas Brasileiras) und Kapustins jazzig-fetziger Concert Etude op. 40/1 temperaments- und virtuositätsmäßig at her best ist, Janaceks Im Nebel kantige Konturen verleiht, hier aber auch etliche Pianotöne im Nebel verliert und in Carl Nielsens eindrucksvoll herber, doch fast verklärt schließender Chaconne op. 32 auf dem Top-Niveau ihres Kieler Auftritts spielt. Ihre eigenen Momentos musicais sind ansprechend, doch etwas redefreudig, zwei Bearbeitungen haben Pep, klingen aber agogisch (Bach) und klanglich (Saint-Saëns) nicht ausgereift.

Der Husumer Raritätenkosmos der Klaviermusik umfasst stets auch eine Ausstellung. Sie gilt - wie schon Hubert Rutkowskis Sonntagsmatinee - dem legendären polnischen Pianisten, Komponisten und einflussreichen Lehrer Theodor Leschetizky.