Kieler Nachrichten online vom 30. August 2010

von Michael Struck | kn

Abschluss der Klavierraritäten in Husum:
Werkstücke in wechselnden Formaten

Husum. Nein, man hat sich nicht spezialisiert – weder auf Delikatessen und Petitessen noch auf die Kategorie Groß & Mächtig: Die als international beachtete, ja als Klavier-Kultereignis gerühmte Konzertreihe Raritäten der Klaviermusik präsentiert als „Werkstatt Husum“ im Rittersaal des Schlosses musikalische Werkstücke unterschiedlichster Größe aus vier Jahrhunderten.

Man darf gespannt sein, was Peter Froundjian, dem kenntnisreichen Festival-Intendanten, einfällt, wenn es 2011 das Jubiläum der 25. Raritätenreihe zu feiern gilt. Die letzten drei Konzerte 2010 bieten jedenfalls noch einmal eine imponierende Werkstatt-Schau – kompositorisch wie pianistisch:

Sonaten: Allein das Sonatenpanorama beeindruckt: Schuberts unvollendete frühe „C-Dur-Sonate D279“ (1815) beginnt in haydn'schem Tonfall, zeigt in der Durchführung des 1.Satzes dann aber, dass schon der Achtzehnjährige innerhalb weniger Sekunden gleichsam aus der Hüfte von G nach Des modulieren und die Sonatenform harmonisch dramatisieren kann. Der junge englische Pianist Ian Fountain macht das im heftig gefeierten Abschlusskonzert mit sinnlicher Intelligenz deutlich. Die „d-Moll-Sonate“ des 12-jährigen Erich W. Korngold (1908/09) wühlt frühreif in komplexen spätromantischen Akkordverbindungen und prunkt im Finale – unverkennbar zu Brahms' „Vierter“ herübergrüßend – mit einer Passacaglia über ein vom Lehrer Alexander von Zemlinsky gegebenes Thema.

Die präpubertäre Genialitätsprobe wird vom jungen Michail Lifits (Busoni-Preisträger 2009) im Donnerstagskonzert zupackend-kompakt musiziert. Scheinbar konservativer, letztlich jedoch sehr eigenständig kommt die etwa gleichaltrige „1.Sonate op.6“ des Russen Nikolai Mjaskowsky (1881–1950) daher: Das Thema der Eröffnungsfuge spielt in den folgenden Sätzen eine tragende, zumeist lyrische Rolle. Dies ist ein schlüssiges (nur im Finale leicht durchhängendes) Gegenkonzept zur Schlussfugen-Tradition à la Beethoven, wie Eldar Nebolsin am Freitag mit ausgefeilter Pianistik nachdrücklich klarstellt.
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Am Ende der Raritätenwoche gibt's noch ein Sonaten-Doppel: Nikolai Medtners einsätzige „Sonata tragica op.39 Nr.5“ schlägt dunkle Funken aus pathetisch-prägnanten Rhythmen und chromatisch wuselnder Harmonik. Sergej Rachmaninows ausgreifende, durch Goethes „Faust“ inspirierte „1.Sonate d-Moll op.28“ ist danach aber doch das packendere, wirksamere Werk: Konstruktion (Quint-Gesten!) und Emotion (elegische Themen, große Steigerungen) greifen faszinierend ineinander; thematische Rückblicke bürgen für einen spannungsvollen Erzählmodus. Zum dritten Mal erklingt die Sonate jetzt in Husum, doch noch nie wirkte sie so wuchtig, pathetisch, packend (wenn auch um ein paar Pianofacetten verkürzt) wie unter Fountains vielgeforderten Händen.

Charakterstücke: Hier lassen sich nur Schlaglichter werfen, etwa auf Pavel Haas' wirkungsvoll „moderne“ „Suite op.13“, von Fountain ebenso spritzig-virtuos wie tieflotend geboten, oder Ferruccio Busonis „24Präludien op.37“, die trotz unverkennbarer Liebe des Teenager-Komponisten zu Chopin und zu Italien enorme Gestaltungssicherheit verraten. Lifits spielt sie teils ausgesprochen klangssensibel, teils wendig-routiniert. Eldar Nebolsin, vielseitig in der Tongebung und mit belastungsfähiger Pianistik, musiziert Liszts Klavierübertragung von Beethovens Gesängen „An die ferne Geliebte“ ebenso überzeugend wie Isaac Albeniz' launig-tonmalerische Klavierkomödie „Yvonne en visite!“. In Busonis grausam schwerer Klavierbearbeitung von Liszts „Fantasie und Fuge“ über den Choral „Ad nos, ad salutarem undam“ evoziert er auf dem Flügel eindrucksvoll Orgelwucht und Kirchenhall – hochvirtuos, doch ohne Effekthascherei.

Die Pianisten: Nebolsins Agilität und Spielfreiheit – auch dort, wo er nach Noten spielt – erstaunen und erfreuen. Lifits hat den imposantesten Forteklang zur Hand: dunkel-metallisch, nie klirrend; zugleich beherrscht er fingerspitzenzartestes Pianissimo. All das kommt seiner Chopin-Zugabe betörend zugute; doch oft beschränkt der junge Künstler sich in seinem vermutlich frisch erlernten Raritäten-Programm auf dynamische Schwarzweiß-Werte ohne viel Zwischenstufen. Fountain setzt seinen Schattierungsreichtum strukturklar, zielbewusst und sensibel ein (wobei Wagner/Kocsis' Blumenmädchenszene und Finale aus „Parsifal“ noch sensualistischer leuchten könnten): Er ist eine der erfreulichsten Husumer Neuentdeckungen 2010.