Kieler Nachrichten, Online-Version vom 23.08.09

von Michael Struck | kn

Abschluss der Husumer Klavier-Raritäten: Entdeckungsfreudige Künstler

Unvermindert hoch und heftig ist die Diskussionsbereitschaft der Raritäten-Hörer im Schloss vor Husum. Ob Husumer Lehrer, Bonner Anwalt, holländische Klavierpädagogin, englischer Chemiker (zugleich einer der beiden kompetenten Umblätterer) oder Kieler Konzertgänger - sie alle eint Klavier-Hunger und Debattier-Lust: über mVergleichseinspielungen, Pedalgebrauch, Spieltemperament, Klangtechnik. Gibt's ein besseres Publikum?

Auch was Konstantin Scherbakov am Donnerstag leistet, weiß man da zu schätzen. Der längst zum Husumer Stamm-Inventar zählende Leopold Godowsky - genannt „Pianists' Pianist“ - legt mit seiner 1924/25 komponierten Java-Suite betäubend komplexe, betörend farbkräftige „Phonoramas“ vor, für die Normalsterbliche vier Hände brauchen. Scherbakovs zwei Hände haben fünf Stücke daraus mit präziser, studiogestählter Risikokalkulation und teils gebremster, teils umgarnender Poesie (The Gardens of Buitenzorg) im Griff. Auch Liszts Arrangement von Beethovens „Zweiter“ gelingt bewundernswert, so wie Scherbakov die Zweihand-Zubereitung des vielschichtigen Orchestersatzes in zügigsten Tempi bewältigt, Melodiephrasen und Begleitmuster blitzschnell von einer Hand in die andere wirft und noch Zeit genug findet, um mit raffiniertem Halbpedal Streicher- und Bläserklang zu imaginieren.

Eine so virtuose Überfliegerin ist Janice Weber nicht, wie Hubert Giesens Konzertfassung von Johann Strauß' Rosen aus dem Süden als vorweggenommene Zugabe zeigt: beeindruckend, aber nicht mit virtuosem Überschuss & Überschwang serviert. Dafür beeindruckt die Amerikanerin mit Erwin Schulhoffs quirlig-spielerischer, wie auch andere Werke dieser Husum-Woche aus dem Kreativ-Kraftwerk der 1920er Jahre stammender 1.Sonate (1924) und der 10 Jahre jüngeren, weit spröderen, doch charaktervollen Sonate Ernest Blochs. Hier entdeckt Weber hinter sperrigen, doch schlüssigen Strukturgittern Seelenbewegungen, auch im abschließenden Rückblick auf den Sonatenbeginn. Höhepunkt: Ignaz Paderewskis große es-Moll-Variationen op.23 - gewichtiger Abschied von der Spätromantik, der Brahms' Händel-Variationen viel verdankt bis hin zum unvermeidlichen Schluss: „Fuge muss sein“. Da ist Janice Weber in ihrem Element.

Der Engländer Jonathan Powell ist beim Schlusskonzert in seinem Element, wenn er bestimmte Werke der Zeit zwischen etwa 1900 und 1930 spielt. Sie müssen freie Agogik erlauben, pianistisch an und über Grenzen gehen (neben Scherbakov hat er die höchste Tondichte pro Minute), ausgiebige Kraftphasen samt intensiven Steigerungen enthalten und genau kalkulierten Pedaleinsatz fordern. Das sichert Powell in Egon Kornauths post-straussischer es-Moll-Fantasie op.10 (1912/15), Konstantin Elges 2.Sonate op.28 (1930), der noch erstaunlich stark Liszt verpflichteten C-Dur-Fantasie op.14 Gelingen und Bewunderung. Letztlich wirkt Powells langes Programm dadurch aber auch recht gleichförmig. Interessant: Michael Finissys “Strauss-Waltzes“ - atonale Umgarnungen dreier Johann-Strauß-Walzer-Phrasen (eher englisch-ernsthaft als tödlich-witzig im Ravel’schen Sinne komponiert) – und die Turkmenischen Nächte Alexander Mossolows: Da verschwinden Volksmusik-Paraphrasen dissonanz- und phonstark im schwarzen Loch russischer „Maschinenmusik“ – krachend-imposantes Ende einer ereignis- und erfolgreichen Raritäten-Woche.
www.piano-festival-husum.de