SHZ-Kultur vom 20. August 2009

von Detlef Bielefeld

Charmant schnörkelloser Tastenzauber

Für Husums exquisites Klavierraritätenfestival gelten viele eigene Gesetze: So können hier auch schlichte, technisch bescheidene "Mauerblümchen" der Pianogeschichte als "Rarität" der Vergessenheit entrissen werden; zudem bedienen ausgeklügelte Programmdramaturgien selten die Erwartungen des gewöhnlichen Mainstreams, folgen stattdessen stringent einer unsichtbaren, im nachhinein aber verblüffend logischen Marschroute.

Nina Tichman, charmante Amerikanerin aus der rheinischen Domstadt, vollbrachte einen stilistischen Spagat über 200 Jahre hinweg: Mozarts Ringen mit dem barocken Erbe stand mit seinem Suitenfragment KV 399 aus dem Jahre 1782 am Anfang - Elliot Carters knorrige Klangstrukturen seiner Klaviersonate markierte das trotzig-derbe Bemühen des eigenwilligen Amerikaners um eine weitgehend abstrakte Weltmusiksprache in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Tichman spielte schnörkellos und unsentimental, minimierte ihren Pedaleinsatz zugunsten klanglicher Transparenz und eindeutiger Tongebung - wilde Laufpassagen, rauschende Arpeggien und vollgriffige Akkordballungen gerieten bei ihr kristallklar. Ob in Robert Schumanns suitenhaften Klavierstücken op.32 oder Edward McDowells monumentalen "Sea Pieces": Nina Tichmans gefühlsnebel freies Spiel war von objektivierender Bravour und entwaffnender Klarheit!

Komplett anders, aber nicht weniger frappierend der Ansatz von Denis Pascal, der mit zartweicher Raffinesse der impressionistisch gefärbten Spätromantik à la français huldigte. Jean-Philippe Rameau fühlte sich bei diesem Klangzauberer auch im 19. Jahrhundert noch wohl, die reizvollen Harmonisierungen eines Ernest Chausson und Tony Aubin erfuhren unter Pascals magischen Händen klangliche Nobilitierungen, Charley Koechlins introvertiert-wispernde Selbstgespräche (Ballade op.50) atmeten nebulöse Unbestimmtheit. Quasi als Strawinskys Vermächtnis die finale "Sonatine syncopée" von Jean Wiéner: rhythmisierte Staccato-Repetitionen und jazzig-angehauchte Bluespassagen als ironischer Schlusskommentar eines denkwürdigen Klavierabends.