Kieler Nachrichten, Online-Version vom 17.08.2009

von Michael Struck | kn

Chromglänzender Auftakt bei den "Raritäten der Klaviermusik" in Husum

Husum - Wenn man in Bibliotheken oder Antiquariaten die Regalmeter mit Bach-Suiten, Beethoven-Sonaten und Brahms-Stücken hinter sich gelassen hat und an langen Reihen unbekannter Klaviermusik entlanggeht, fragt man sich unwillkürlich: Wie mag diese einst so hoffnungsvoll komponierte Musik wohl klingen, die da zwischen eingerissenen, verstaubten Umschlägen gleichsam eingefroren ihr Dasein (sprich Vergessensein) fristet? Gut, man kann sie vielleicht auf CD hören. Aber ein Live-Erlebnis im Ereignisdreieck zwischen Komponist, Musiker und Hörer ist das nicht. Hier hilft nur Husum: Im 23. Jahr erklingen im Rittersaal des Schlosses Raritäten der Klaviermusik, eine Augustwoche lang von hoch motivierten Pianisten vor hoch interessiertem Publikum geboten. Wenn Landrat Dieter Harrsen bei der Begrüßung am Sonnabend vom kulturellen „Premium-Produkt“, ja vom „etablierten Weltkultur-Festival“ spricht, klingt das zwar vollmundig, ist aber berechtigt.

Die zwei ersten Konzerte bestätigen das nachhaltig. Der Engländer Jonathan Plowright, eine von Husums festen Größen, beherrscht die Kunst, aus chromglänzender Klangkühle heraus farbig, facettenreich, ja erwärmend zu gestalten. Drei Bach-Transkriptionen des englischen Clara-Schumann-Schülers Leonard Borwick und seines Landsmannes Herbert Fryer, vom Pianisten klanglich-emotional trefflich voneinander abgesetzt, bezeugen die Bach-Faszination spätromantischer Musiker. Drei Variationswerke bilden das Programm-Mittelstück, wobei der Katalane Federico Mompou (1893-1987) und der italienische Kosmopolit Ferruccio Busoni (1866-1924) jeweils Themen Chopins wählten und teils frankophil, teils neoklassizistisch-radikal ausleuchteten.

Wem die erstaunlich tragisch endenden Variationen Stanislaw Niewiadomskis (1859-1936) doch noch sehr schumannisch-brahmsnah vorkommen, sollte nicht vergessen, dass Niewiadomski nur 26 Jahre nach Brahms geboren wurde. Höhepunkt des imponierenden, im Vergleich mit früheren Konzerten freilich nicht ganz so frei gespielten Abends ist Francis Poulencs Solofassung seiner genial eklektizistischen konzertanten Ballettmusik Aubade. Die annektiert, teils ernst, teils augenzwinkernd-frech, Mozart, Schubert, Ravel und Strawinsky (Petruschka!). Und findet doch einen eigenen, musikalisch auffallend konzentrierten Ton, dessen lyrischere Facetten Plowright etwas mehr luftige Ruhe hätte geben können. Zwei zugegebene Chopin-Souvenirs von Grieg und Honegger runden den Abend beziehungsreich ab.

Noch vielfältiger, hinreißender ist das Sonntagskonzert des Portugiesen Artur Pizarro, der bereits 1996 in Husum Aufsehen erregt hatte. Er reizt die Klangpalette des fabelhaften, vom Berliner Klaviertechniker Thomas Hübsch kompetent betreuten Steinways hinreißend aus: vom leise leuchtenden Pianissimo bis zum glockig dröhnenden Fortissimo. Sein apartes französisch-portugiesisches Programm mit durchaus selbstbewussten „Werkpersönlichkeiten“ lässt höchstens einen Einwand zu: Manche der Stücke hören nicht auf, wenn's am schönsten ist. Das gilt auch für Charles Tournemires Poème mystique op.33, das so eindrucksvoll Arabeske, Choral und Glockenepisoden zusammenschließt, oder das aparte Schlusswerk, Fernando Lopez Graças Epitalâmio, das Tänzerisches und Melodisches einprägsam koppelt.

In Gabriel Piernés Suite de concert op.40 frappieren die geistreich-spielerische, später virtuos knatternde Fughetta (so kriegt das halt nur ein Franzose hin!) und das Nocturne en forme de valse, das im Mittelteil schön ins Fünfermetrum kippt. Eigenartig (wenngleich etwas länglich): zwei debussynahe Nocturnes des früh verstorbenen Antonio Fragoso. Bei José Vianna da Mottas Drei Improvisationen über Volksweisen op.18 fragt man nicht nach „zeit-“ oder „unzeitgemäß“, sondern genießt ganz einfach die kanonischen, tänzelnden oder elegant-passagenhaften Einkleidungen fescher portugiesischer Melodien - fehlt nur noch das Glas Wein. Ein typischer Husumer Abend: sinnliches Lernen!