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RUCH MUZYCZNY, Warschau
(Nr. 20/2008, S. 13-17), Kacper Miklaszewski
Husum Raritäten der Klaviermusik 2008
(Text: Kacper Miklaszewski, Deutsch: Ludwig Madlener)
Zum 22. Mal fand in der nordfriesischen Hafenstadt Husum das Festival „Raritäten der Klaviermusik“ statt. Aus der regen Aktivität des gut informierten Publikums und der Zielstrebigkeit, mit der die Pianisten nach dem Titel ihrer Zugaben gefragt werden, könnte man vermuten, dass Klavierbearbeitungen höchst gefragte Stücke seien. Altgediente Festivalbesucher sind sehr angetan, wenn hinter dem Namen des Originalkomponisten noch weitere drei folgen, die das Stück weiterbearbeitet haben. Dieses Jahr allerdings übertraf die Zahl der Bearbeitungen keinesfalls die der Originalstücke, wenn auch die eine oder andere „Klavierversion von…“ auf den Programmen der acht Klavierabende auftauchte.
Der künstlerische Leiter des Festivals, Peter Froundjian, beschloss sein Eröffnungskonzert, dessen Programm mit Kompositionen, die in verschiedenartiger Weise aufeinander bezogen waren, meisterhaft zusammengestellt war, mit einem raffinierten „Konzertarrangement“ von Ignaz Friedman über den Walzer O schöner Mai von Johann Strauß II. Vorausgegangen waren weiter Stücke von Friedman: die Sonatine C-Dur op.82,1 und 4 Klavierstücke op.96. Dazu kamen noch die Sonatine Nr.3 op.67,3 von Sibelius, die Sonate Nr.2 op.2 von Korngold und die Fantasien über Gedichte von Richard Dehmel op.9 von Zemlinsky. Denis Pascal, der, wie man ohne zu zögern behaupten kann, poetische Ideen meisterhaft auf einem modernen Flügel darzustellen vermag, beschloss seinen Klavierabend am 17. August mit Kodalys eigener Bearbeitung seiner Marosszeker Tänze. Am nächsten Abend versuchte Koji Attwood Samuel Feinbergs Transkription des Scherzos aus der Symphonie pathétique von Tschaikowsky noch zu übertrumpfen. Außerdem spielte er seine eigene sehr feinsinnige Bearbeitung von Les berceaux aus der Feder von Fauré und seine etwas aufgesetzt klingende Version von Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“. Daniel Berman hatte nicht weniger als fünf Transkriptionen in seinem Programm am 19. August: Sarabande, Rigaudon und Tambourin von Rameau und Sarabande von Lully aus der Renaissance-Suite von Godowsky, die vierhändige Fantasie f-Moll von Schubert, für zwei Hände transkribiert von Michael von Zadora, Bermans eigene Bearbeitung der zweiklavierigen Haydn-Variationen von Brahms ebenfalls für zwie Hände, Sigismunds Liebesgesang aus der Walküre von Wagner/Tausig und eine akrobatische Transkription von Figaros Kavatine aus Rossinis Barbier von Sevilla von Grigorii Ginzburg.
Der Beitrag von Roland Pöntinen zu diesem Genre bestand am 20. August lediglich in einer eigenen Bearbeitung von Melodien aus Nino Rotas Musik zum Film Armacord, stilistisch eine delikate Mischung aus verfeinerter Pop- und Cafémusik. Am 21. August bot Lev Vinocour eine faszinierende Transkription von Debussys Prélude à l´après-midi d´un faune von Alexander Borowsky. Vinocour spielte auch Rimsky-Korsakows Scheherezade in einer Fassung als Klaviersuite von Prokofiew, dessen drei Klavierstücke aus seiner eigenen Balletsuite Der verlorene Sohn op.52 und Stücke aus Tschaikowskys Dornröschen in einer kongenialen Bearbeitung von Theodor Kirchner. Marc-André Hamelin beschloss seinen Klavierabend am 22. August mit den Symphonischen Metamorphosen über Joh. Strauß´“Wein, Weib und Gesang“ von Leopold Godowsky, nachdem er zuvor Klavierbearbeitungen von Chansons von Charles Trenet durch Alexis Weissenberg ins Klavier gezaubert hatte. Peter Jablonski beschloss den letzten Klavierabend des Festivals am 23. August mit Musik aus dem Ballett El Salón Mexico von Aaron Copland in einer Version von Leonard Bernstein.
Dass man Raritäten nicht nur bei der Bearbeitung von Originalkompositionen finden kann, bewiesen die übrigen Werke, die diesen Sommer in Husum aufgeführt wurden. Denis Pascal, der laut Aussage seiner Managerin alles spielt, zog die Zuhörer sowohl durch perfekte Technik als auch durch einen wunderbaren Klavierton in seinen Bann. Auf einem ähnlichen Niveau waren die Kompositionen, die er spielte. Abschied von meinem Silbermannschen Clavier in einem Rondo von C.P.E. Bach klang (in dieser Interpretation) sehr romantisch, weil es von Pascal aus der späten Barockzeit stilistisch in die große Klaviertradition des 19. Jahrhunderts übertragen wurde. Die Nocturnes von Gabriel Fauré (op.33,1 und op.74) repräsentieren eine völlig andere Gefühlswelt, während Kompositionen von nicht-französischen Impressionisten wie die Sechs Klavierstücke von Joseph Marx (1916) und Birds of Paradise von Cyril Scott (1912) bewiesen, wie farbig ein Klavier klingen kann. Pascals Fähigkeit, unglaubliche Klangschattierungen zu erzeugen, zeigte sich am deutlichsten bei Les cloches de Genève im Rahmen einer Reihe weniger bekannter Kompositionen Liszts.
Der Klavierabend von Koji Attwood, eines außerordentlich begabten Pianisten, der auch harte und dramatische Töne nicht scheut, bestand größtenteils aus Transkriptionen, bot aber auch hoch interessante Morçeaux op.12 von Georgi Catoire, Felix Blumenfelds Moment de désespoir op.21,1, ein Stück mit einer außergewöhnlichen Form, Etüden und Préludes von Sergej Bortkiewicz, klanglich Rachmaninow ähnlich, manchmal sogar mit noch interessanterer Polyphonie, und schließlich Quatre Préludes op.39 von Anatol Ljadow, die sich eng an die Tradition von Chopin anlehnen.
Delikate lyrische Stimmungen und zarte Poesie bot Daniel Berman in seinem Klavierabend. Leider störten einige Unsicherheiten in seinem Spiel. Diese Nervosität war umso weniger verständlich, weil das Publikum seiner Kunst sehr zugetan war. Godowskys Bearbeitungen von Stücken alter Clavecinisten in der sogenannten Renaissance-Suite sind voll Charme, wenn sie auch zuweilen zur Dekadenz neigen. Die Variations caractéristiques op.8 von Felix Blumenfeld beeindruckten durch die Vielfalt, mit der das Thema behandelt wurde. Sevillana von Manuel Infante, brillant dargeboten, überzeugte durch seine raffinierte, collagenartige Form und die iberische Version impressionistischer Stimmungen.
Roland Pöntinen, zusammen mit Daniel Berman und Marc-André Hamelin zum Urgestein der Festivals gehörig, spielte stilistisch völlig unterschiedliche Barcarolles von Fauré: die Barcarolle a-Moll op.26 von 1881, eher volksliedhaft, zerbrechlich und poetisch, und die schwer zugängliche und dissonanzenreiche Barcarolle fis-Moll op.66 von 1894. Seine Préludes op.103 von 1910 klingen auch heute noch so avantgardistisch, wie sie damals gewirkt haben mögen! Wirklich avantgardistisch klang die Sonate Nr.3 von Nikolaj Mjaskowsky, geschrieben 1920, als staatliche Vorgaben noch verpflichtende Richtschnur waren. Aus drei Stücken von Heitor Villa-Lobos machte Pöntinen ein faszinierendes Triptychon, und dass er ein Klavierpoet mit einer Neigung zum Meditativen ist, zeigte er bei der Interpretation von Mirages, Masques galantes und Arlequinade aus op.81 von Ignaz Friedman, einer fein gesponnenen Musik, die stilistisch an Fritz Kreisler erinnert.
Lev Vinocour überraschte sogar die ganz alten Hasen des Husum-Festivals. Sein Klavierabend war fast eine Stunde länger als alle anderen, und zwar wegen eines sprühenden Vortrags in fließendem Deutsch, den er mit Darstellungen von Kostümen und Bühnenbildern illustrierte, geschaffen von großen Künstlern für die Ballett-Produktionen von Diaghilews Ballets Russes, und Bildern des litauischen Komponisten Mikalojus Ciurlionis. Diese einführenden Worte hätten auch nerven können, wenn Vinocour nicht ein glänzender Pianist wäre, der sich sofort hinsetzte und mit unbestreitbarer Meisterschaft, absoluter Präzision und faszinierender Ausdruckskraft mit dem Spielen begann, kaum war das letzte Wort gesagt. Alle von ihm gespielten Stücke hatten irgendwie mit Kunst zu tun. Vinocour fand eine sehr interessante Botschaft in einer frühen, noch in seiner Schulzeit geschriebenen Sonate F-Dur von Ciurlionis, betonte die unerwartete Originalität von Prokofiews Choses en soi und machte auf die Tiefe der privaten Gefühlswelt von Tschaikowsky aufmerksam, die er in Nessun maggior dolore entdeckte, einer Komposition, die auf einem der Briefe an Nadeschda von Meck skizziert war.
Marc-André Hamelin überraschte die Zuhörer der „Raritäten“ auf ganz andere Weise: selbst die, die ihn hier das fünfte Mal hörten, stimmten darin überein, dass er sich dieses Jahr noch selbst übertroffen hat, und zwar interpretatorisch und pianistisch. Sowohl die depressive Stimmung der Cipressi op.17 von Castelnuovo-Tedesco als auch die wechselnde Gefühlswelt von Alt Wien op.30 desselben Komponisten, die von Spaß bis zu ernster Dramatik reichte, beeindruckte und fesselte das Publikum. Als ich ihn nach dem Konzerte fragte, ob er Kompositionen von Castelnuovo-Tedesco auf CD aufnehmen wolle, antwortete er: „Im Moment noch nicht, denn ich spiele die Stücke hier zum ersten Mal vor Publikum“. Hamelin faszinierte die Zuhörer auch durch ein so gut wie unbekanntes Werk von Alexis Weissenberg, selbst einer der ganz großen Pianisten, und spielte seine Sonate en état de jazz, eine Musik, die sich ständig auf Jazz bezieht und gleichzeitig ganz weit davon entfernt ist, und dabei so originell! Hamelin komponiert selbst und spielte seine eigene Etüde Erlkönig, ein Lied ohne Worte, das genau der Dramaturgie von Goethes Gedicht folgt, ohne jeden Bezug zu Schuberts Lied und anderen Bearbeitungen, und die Etude Nr.7 für die linke Hand allein nach dem Wiegenlied von Tschaikowsky. Hamelins Klavierabend war – zusammen mit dem von Denis Pascal – das Ereignis der diesjährigen Raritäten. Der letzte Tag des Festivals wurde durch Werke von skandinavischen Komponisten bestritten, interpretiert von Peter Jablonski: wunderschöne Miniaturen von Adolf Wiklund, irgendwo angesiedelt zwischen Musik für Kinder und stilisierter Barockmusik, mit dem Titel Från mitt fönster, das Thema med variationer op.40 von Nielsen, rhythmisch sehr komplex, und schließlich die bekannte Sonate e-Moll op.7 von Grieg. Neben den Werken von Friedman, die mehrmals in dieser Woche zu Gehör kamen, spielte auch Jablonski polnische Musik: die Sérénade de Don Juan aus den Masques von Szymanowski wie auch 4 Mazurken op.50, mit deutlichem Bezug auf Chopin gespielt. Ebenso hatte er den Three Quarter Blues von Gershwin und Earl Wilds Transkription von Gershwins Embraceable You auf dem Programm. Als offizielles Schlussstück der Raritäten 2008 spielt Jablonski Musik aus dem Ballett El Salón Mexico in der Bearbeitung von Leonard Bernstein und beeindruckte die Zuhörer mit der Leichtigkeit, mit der er komplexe Passagen spielte, und der breiten Palette von Kontrasten, die er zu Gehör brachte. Es gelang ihm aber nicht immer, das Werk eines amerikanischen Komponisten für den europäischen Zuhörer plausibel zu machen.
Ein Teil des Festivals war wie üblich die Sonntagsmatinee. Dieses Jahr war es das dritte Quiz, das das Wissen von unbekanntem Klavierrepertoire prüfte und das vom unermüdlichen Anwalt guter Musik, Jeremy Nicholas, vorbereitet und moderiert wurde. Martin von der Heydt, ein junger deutscher Pianist, Spezialist für neue Musik und Begründer des E-mex-Ensembles, gewann gegen harte Konkurrenz glanzvoll den ersten Preis mit einem Maximum an möglichen Punkten. Er erkannte nicht nur eine Czerny-Etüde in einer Ballettmusik für Orchester, sondern wusste sogar noch den Autor des Arrangements! Die weiteren Preise gingen an regelmäßige Festival-Besucher (sie hatten auch noch die gleiche Punktzahl, und erst ein faszinierendes Play-off entschied über die Preisvergabe!): Peter Grove aus England, Daniel Berman aus den USA (der nicht nur fast alles kennt, sondern es auch spielen kann) und Stefan Romansky, ein Jurist aus Deutschland. Den fünften Platz belegte Ludwig Madlener, ein pensionierter Latein- und Geschichtslehrer aus Bayern. Satoru Takaku, ein japanischer Musikwissenschaftler und Spezialist für europäische Musik, landete ebenfalls weit vorne.
Die Wände vor dem Rittersaal des Schlosses vor Husum waren behängt mit Fotos von berühmten Pianisten der Vergangenheit: Benedetti-Michelangeli, Clara Haskil, Annie Fischer, und mit seltenen Fotos von Swjatoslaw Richter. Sie waren kunstvoll komponiert und boten einen tiefen Einblick in die Persönlichkeit dieser Künstler. Der Fotograf Jacques Leiser, ein Amateur, wie er sich selbst nennt, wirkte lange Jahre als Konzertagent der berühmtesten Pianisten seiner Zeit und war vorher Produzent bei EMI. Leiser war nach Husum gekommen, um die Konzerte zu hören und dem Publikum in einer Sonderveranstaltung von seinen Erinnerungen zu erzählen. Und das tat er in charmanter, humorvoller und höchst spannender Weise.
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