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SHZ-Verlag vom 25. August 2008
von Detlef Bielefeld
Vinocour überrascht mit Gesprächsbedarf
Recital von Marc-André Hamelin wieder Höhepunkt
Die "Raritäten der Klaviermusik" im Schloss vor Husum sind allemal gut für Überraschungen: so überrumpelte der eloquente Russe Lev Vinocour sein pianomanes Publikum mit der andernorts beliebten Form des Gesprächskonzertes. Seine Gründe für diesen hier noch ungewohnten Mix aus Wort- und Musikvortrag waren thematisch begründet: ließ sich doch seine Werkwahl auf die grandiose Epoche des "Ballet Russe" im Paris des beginnenden 20.Jahrhunderts zurückführen, in der das Mit- und Nebeneinander aller Künste die europäische Kulturgeschichte nachhaltig revolutionierte.
Als feinsinnig hingetupfte Exposition dieses Recitals servierte Vinocour die Borowsky-Fassung von Debussys impressionistischen "L’après-midi d’un faune" als Farb- und Stimmungspastell. Hier wie in der nachfolgenden "Schéhérazade" (Prokofjew nach Rimsky-Korsakow) brillierte der sympathische Russe mit delikater Anschlagskultur, ausgeklügelter Pedaltechnik und perlenden Lauf-Girlanden, während ihm beherzter Zugriff bei Prokofjew und Ciurlionis durchaus zu Gebote standen. Tschaikowskys Dornröschen-Suite war Beschluss dieser ungewöhnlichen Begegnung mit sich damals gegenseitig potenzierenden Kunstgattungen. Einen ganz anderen Künstlertyp repräsentiert der Schwede Peter Jablonski: präzise Struktuierung gekoppelt mit klarer Anschlagstechnik, kalkulierte Kraftentfaltung im Kontrast zu fein ziselierter Detaillierung. Nordisch-Vertracktes mit romantisch-melancholischem Gestus (Wiklund-Nielsen-Grieg) gefolgt von US-amerikanischer Neuklassik mit erheblichem Unterhaltungspotential (Gershwin-Copland) – hier wie in Szymanowkis "Don Juan Sérénade" verband Jablonski Spielfreude mit kontrollierter Distanz zu bestechenden Werkanalysen.
Zum Höhepunkt der diesjährigen "Klavierraritäten" geriet wieder einmal das Recital von Marc-André Hamelin: tänzerische Metamorphosen unterschiedlichster Provenienz, schwindelerregend und pointiert, ob das delikat-rhapsodische "Alt Wien" von Castelnuovo-Tedesco, die rhythmisch-harmonischen Kapriolen von Alexis Weissenberg oder die dahinperlenden Höchstschwierigkeiten des Walzerkönigs Johann Strauß in der Lesart eines Leopold Godowsky. Bei Hamelin wird scheinbar Unspielbares zur Selbstverständlichkeit und allzu Bekanntes gerät überraschend – ein grandioser Künstler und Raritäten-Spezialist.
(Nordfriesland Tageblatt, Husumer Nachrichten, Flensburger Tageblatt, Landeszeitung usw.)
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