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Kieler Nachrichten vom 25. August 2008
von Dr. Michael Struck
Ergiebige Suche nach Piano-Gold
Raritäten der Klaviermusik – die Husumer Konzertreihe wurde zum Markenzeichen für ergiebige Goldsuche im unermesslichen Klaviermusik-Repertoire. Der 22. Jahrgang 2008 profitiert wie immer von optimaler Betreuung durch die Berliner Steinway-Vertretung, von der effektiven Arbeit des Teams um Festivalleiter Peter Froundjian und vom begeisterungsfähig-kritischen internationalen Publikum. Die Reihe endet wie eine Bruckner-Symphonie – mit einer Art Schlusssteigerung (ohne dass die vorangehenden Auftritte damit abqualifiziert seien). Im letzten Konzert am Sonnabend macht es sich der international renommierte Peter Jablonski allerdings auf hohem Level zu leicht – zumindest bei Carl Nielsens komplexen, allzu holzschnittartig gespielten (und um Nr.2 gekürzten) Variationen op.40 und in Griegs teilweise forsch heruntergedonnerter Sonate op.7. Karol Szymanowskis gelockerte Tonalität verschwimmt zeitweise in Pedalnebeln. Adolf Wiklunds intimer Zyklus Från mitt fönster aber erhält leise Poesie; Leonard Bernsteins Klavierarrangement von Aaron Coplands Orchesterfantasie El Salón Mexico sowie Debussys zugegebenes Prélude Feux d'artifice haben Kontur und Biss: Anfang gut – Ende gut.
"Alles gut" gilt an den zwei Abenden zuvor. Lev Vinocour, gebürtiger Petersburger, der lange in Deutschland lebt, ist in jeder Hinsicht eloquent: Er kann auf dem Flügel frappierend „erzählen“ mit flexibler Agogik, überraschenden Klangwechseln, überlegener Technik. Und er moderiert sein Programm so beredt, dass der Abend erst nach rund drei Stunden endet. Hauptertrag: Alexander Borowskys Klavierfassung von Debussys L'après-midi d'un faune wird unter Vinocours Händen zur Ohrendroge. Die teils apart-frische, teils noch leicht schülerhafte F-Dur-Sonate (1898) des auch als Maler aktiven Litauers Mikalojus Ciurlionis hat mit dessen Bildern vielleicht doch weniger zu tun, als Vinocour meint. Nach teils abstrakten, teils bildkräftigen Prokofjew-Raritäten und den von Theodor Kirchner hinreißend arrangierten, von Vinocour zu später Stunde hinreißend gespielten Stücken aus Tschaikowskys Dornröschen-Ballett tänzelt man Donnerstag müde-glücklich heim.
2008 ist wieder Hamelin-Jahr. Der kanadische Raritäten-Schürfer und Ausnahmepianist Marc-André Hamelin bringt Hörer (und Kritiker) Freitag einmal mehr zum Entzücken. Wo Vinocour bewegungsfreudig "inszeniert", was er spielt, bleibt Hamelin äußerlich ganz cool, wenn er die Musik sprechen, singen, leuchten, klagen, lachen, überwältigen lässt. Dass er phasenweise reichlich Pedal verwendet, führt nicht zur Unschärfe, sondern formt Klänge zum "Körper". Mario Castelnuovo-Tedescos Cipressi (1920) und den dreiteiligen Zyklus Alt-Wien (1923) spielt Hamelin konzentriert, facettenreich, stimmungsvoll. Man denkt: Das ist große Musik! Dass Pianist Alexis Weissenberg auch ein finessenreicher Komponist war, zeigt Hamelin in der sophisticated komponierten – und gespielten – Sonate en état de jazz (1982) sowie sechs köstlich arrangierten (Weissenbergs alter LP-Aufnahme abgelauschten) Charles-Trenet-Chansons. Man müsste noch von zwei fulminanten Hamelin-Etüden (Nr.6: Erlkönig nach Goethe; Nr.7: Linke-Hand-Etüde nach Tschaikowskys Wiegenlied) schwärmen, von Hamelins phänomenaler "integrativer" Virtuosität in Leopold Godowskys Strauß-Metamorphosen Wein, Weib und Gesang, von drei witzig-poetischen Zugaben. Aber wem nützt das? Man muss dieses typische Husum-Highlight eben selbst gehört haben. Punktum.
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