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Kieler Nachrichten vom 22. August 2008
von Dr. Michael Struck
Streifzüge durch das pianistische Panorama
Bei den drei mittleren Konzerten ist im Husumer Schloss wieder alles zu erleben, was die Raritäten der Klaviermusik innovativ, spannend, manchmal auch erfrischend kontrovers macht: Zwei Seiten zeigt am Montag die Pianistik des aus Kansas stammenden Koji Attwood: Die eine Seite schimmert lyrisch-metallisch, kann Klangschichten kreativ trennen. Das zeigen drei der Quatre Morceaux op.12 von George Catoire, Sergej Bortkiewicz' Linke-Hand-Etüde op.29/5 oder Anatol Ljadows Quatre Préludes op.39 von 1895, in denen Chopin immer noch eifrig grüßen lässt. Problematisch wirkt dagegen Attwoods Klavierbearbeitung von Schuberts d-Moll-Streichquartett (Der Tod und das Mädchen). In Husum erklangen schon viele Bearbeitungen, die das Original frei ins Pianistische übersetzen. Attwood dagegen übernimmt Schuberts Streicherfigurationen oft quasi eins zu eins fürs Klavier, peitscht sie (mit staunenswerter, wenn auch ballaststoffreicher Virtuosität) durch und verfällt bei Steigerungen in konturloses metallisches Dröhnen. Das klingt eher nach „Der Tod und das Monster“. Umjubelt: seine Virtuositätswirbel in Feinberg/Attwoods Doppelarrangement des Scherzos aus Tschaikowskys 6.Symphonie.
Aus anderem Arrangierholz als Attwoods Schubert ist geschnitzt, was der New Yorker Daniel Berman am Tag darauf zu bieten hat. Michael von Zadoras (leider brutal kürzende) Zweihand-Fassung von Schuberts großer f-Moll-Fantasie legt Neben- und Gegenstimmen in andere Oktavlagen, formt Figurationen um, imaginiert den vierhändigen Originalsatz durch eine eigene zehnfingrige Klangdramaturgie. Das setzt Berman elegisch und wuchtig, gelegentlich mit leichtem Hang zum Eilen um. Noch intelligenter und fesselnder ist sein eigenes Zweihand-Arrangement von Brahms' Haydn-Variationen, das vom Pianisten Berman alles fordert und erhält. Ob Felix Blumenfelds aparte Variationen op.8 oder Gregory Ginzburgs halsbrecherische Rossini-Adaptation ( Figaro-Cavatine) – Berman präsentiert ein pianistisches Panorama: mitunter delikat, bisweilen wuchtig und immer musikalisch fundiert.
Roland Pöntinen spielt am Mittwoch Faurés Barcarolles 1 und 5 sowie fünf der tonal eigenartig zerfransenden Préludes op. 105 mit kühler Delikatesse, erwärmt uns für das erst 2001 wiederentdeckte Prélude Les soirs illuminés par l'ardeur du charbon, das Debussy seinem hilfreichen Kohlenhändler im Kriegsjahr 1917 schenkte, und überwältigt mit der c-Moll-Sonate op.19 (1920) des Russen Nikolai Mjaskowsky. Das einsätzige, formal bündige, nur noch sehr begrenzt tonale Werk hat Wurzeln bei Skrjabin (Harmonik, motivisches Schweifen) und Tschaikowsky (Sequenzschrauben), lässt mit seiner schwarz-aggressiven Wucht aber auch schon an existenzielle russische Hardcore-Moderne von Ustwolskaja und Gubajdulina denken. Für das Allegro de Concert op. 46, Chopins ungekämmtestes Stück, hätte es mehr Auflichtung und Feinarbeit bedurft, die Pöntinen mit skandinavisch-coolem Charme dann aber beispielsweise für Villa-Lobos' vitale Festa no sertão oder seine eigene Armarcord-Suite nach Nino Rotas Filmmusik – lustvolle Fünfsterne-Barpianistik – parat hatte.
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