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Kieler Nachrichten vom 28. August 2007
von Dr. Michael Struck
Virtuosität – Show oder bitterer Ernst?
Wer erleben will, wie verschiedenartig ein und derselbe Flügel unter wechselnden Künstlerhänden klingt, sollte zu den Husumer Konzerten mit Raritäten der Klaviermusik fahren. Abend für Abend ändert sich der Klang verblüffend, kann voluminös, spröde, spitz, pastos oder vielfarbig wirken. Und doch ist stets der gleiche famose, von zwei Berliner Klaviertechnikern bestens betreute Berliner Steinway im Einsatz. Erklären lässt sich dies musikalische Phänomen nur durchs künstlerische Zusammenwirken der fünf großen P: Physik, Physis, Psyche, Pedaltechnik und Programm.
Donnerstag scheinen sogar in beiden Konzerthälften verschiedene Flügel und Pianisten zum Einsatz zu kommen: Kolja Lessing erlebt man zunächst als feinfühligen Puristen, der Spohrs Rondoletto durch Mikro-Sensibilitäten veredelt und auch Nikolaj Medtners cis-Moll-Variationen sowie Wladimir Vogels Trepak und das eindrucksvolle Epitaph für Alban Berg strukturbetont schlank spielt – wie mit Aquarelltönen. Ein anderer Lessing packt dann Schumanns f-Moll-Sonate an: mit weit größerem Ton, intelligenzgesteuertem Pathos und Mut zum Risiko (Finale!). Dieser „Lessing-Effekt“, in Husum zuletzt 2002 zu erleben, findet auch 2007 viel Zustimmung: Fünf Zugaben gibt es, die letzte spontan improvisiert.
Freitag: Heute interessiert mich primär das Programm, darunter vier hübsche einsätzige Cimarosa-Sonaten, Ukrainische Variationen des Brücke-am-Kwai-Komponisten Malcolm Arnold und Mieczyslaw Wainbergs teils sonatinenhaft verschlankte, teils wuchtige b-Moll-Sonate op. 56 (1955), der man post-stalinistische Wunden und Optimismen abzuspüren glaubt. Pianist Evgeny Soifertis spaltet die Hörer in Zufriedene und Unzufriedene. Zu Letzteren zähle ich: Allzu selten kommt sein Musizieren über gekonnt-pauschales Vomblattspiel hinaus.
Sonnabend: Schon in den ersten zehn Minuten – Eugen d'Alberts Transkription von Bachs c-Moll-Passacaglia – hört man mehr Klangschattierungen als am ganzen Abend zuvor. Das Publikum ist aus dem Häuschen, denn Piers Lane, bereits 1996 und 1998 in Husum, beschert noch einmal große Raritäten-Seligkeit. Klug koppelt er Liszts abgefeimte Klavierfassung des Allegrettos aus Beethovens Siebter mit Schumanns Variations-Exercises über das Hauptthema dieses Satzes. Bewundernswert: Pianist Lane als Orchester-Stellvertreter in Liszts grandioser Bearbeitung von Berlioz' Harold-Symphonie, bei der erstmals ein Streicher – Philip Dukes mit sonor-wendigem Bratschensolo – auf Husums Raritätenpodium darf. Atemberaubend: Quasi Faust, der explosive 2. Satz aus der Grande Sonata (1847) des Liszt-Freundes Charles-Valentin Alkan. Lane meistert Alkans diabolische, selbst Liszt übertrumpfende Tastenhürden frappant. Und er zeigt, dass Virtuosität hier nicht Show ist, sondern bitterer, existenzieller Ernst. So endet „Husum 2007“ optimal!
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