Kieler Nachrichten vom 24. August 2007

von Dr. Michael Struck

Klavierfarben und Raritäten-Glück

Husumer Tagebuch: Michael Struck

Montag: Komponisten notierten Musik, die (womöglich) gedruckt und dann (in der Regel) vergessen wurde. Im Klavier-Eldorado Husum aber erwachen vergessene Noten neu zu klingendem Leben – am CD-Stand oder auch beim Deutschland-Debüt des englischen Pianisten Mark Bebbington: In der ungedruckten dreisätzigen f-Moll-Sonate (1894) des 18-jährigen Londoners William Yeates Hurlstone (1876–1906) erleben wir Pathetisches und Filigranes Arm in Arm, prägnante Übergänge zwischen nicht ganz so prägnanten Themen, professionelle Motivarbeit – das Werk eines Frühverstorbenen, der Brahms und Chopin manches, Wagner wenig verdankt. Sigfrid Karg-Elerts (1877–1933) Klavierfassung von Edward Elgars (1857–1934) 1. Symphonie betört die Ohren vor allem im Adagio, attackiert aber oft die Grenzen des Klaviers. Bebbington verliert selbst hier nicht den Überblick. Sein Spiel kennt feine Piano- und Esprit-Inseln, wirkt tendenziell aber etwas pauschal.

Dienstag: Vom Husum-Debütanten Hiroaki Takenouchi (29) hören wir ein weiteres Werk des frühverstorbenen Alexej Stantschinsky (1888–1914): Die Zweite Sonate (1912) pendelt aufregend zwischen Neo-Dur und fast Atonalem, hat – man merkt’s kaum! – unter den Ranken und Blüten des Kopfsatzes Fugenwurzeln und öffnet in den durchlöcherten Figurationen des Vital-Finales Durchblicke bis fast zum Jazz: eine Entdeckung! In der stürmisch-elegischen f-Moll-Sonate von Schumanns und Mendelssohns Freund William Sterndale Bennett setzt Takenouchi im Zweifelsfall auf Drive statt auf Perfektion.

Mittwoch: Heute vibriert, spricht und leuchtet der Flügel! Bei Jonathan Powell, so staunt mein netter Nebenmann, hört man oft nur den Ton selbst, nicht den Anschlag. In Charles Ives Celestial Railroad glimmen oder explodieren aus Klang-massiven heraus Choral und Marsch. Aus Väinö Raitios Colour Poems op. 22 und Sibelius’ Skizzen op. 114 zaubert Powell intensive Farben. Mit fabelhaften Fingern erzählt er in Skrjabins 8. Sonate zielbewusst und flexibel die tragische Geschichte vom Aufstieg und Zerfall musikalischer Gedanken. Auch Kaikhosru Shapurji Sorabjis mit Unspielbarem gespickte Klavierübertragung der Salome-Schlussszene, kann Powell zum Glühen zwingen.