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Kieler Nachrichten vom 21. August 2007
von Dr. Michael Struck
Zwischen Skepsis und Staunen
Wer Abend für Abend aus dem Kieler Umland zu den "Raritäten der Klaviermusik" ins Husumer Schloss fährt oder die komplette Konzertwoche als Tastentourist in Storms Stadt verbringt, hat Stoff genug für ein Raritäten-Reisetagebuch. Das führt auch der Mitarbeiter unserer Kulturredaktion.
Freitag: Staunen bei der Anreise: Kein Warten mehr an der Bahnschranke von Schuby. Die neue Unterführung spart Zeit – Zeit die man beim dreistündigen Vorkonzert mit Alex Hassan braucht. Das bietet – von Hassan kundig-flott moderiert – Novelty Music: virtuos-populäre Klaviermusik der Post-Ragtime-Ära. Die synkopensatten Stücke gehören zweifellos zur Geschichte des Allround-Instruments Klavier und passen zeitlich meist genau auf die Seite einer 78er Platte. Beim Heimfahren klopft meine Linke auf dem Lenkrad tief-hoch-tief-hoch – das unverwüstliche Begleitschema, das Hassan bei jedem Tempo fest im Griff hat. Am Ende ist, wie ich jemanden hübsch sagen höre, der Synkopen-Sättigungsgrad erreicht! Aber schön war's doch!
Hassan ist hauptberuflich Bibliothekar in North Carolina, der vermutlich zwischen den Bücherregalen ein Klavier stehen hat. Und Hassan ist ein Novelty-Teufelskerl von wirbelnd-treffsicherer Handfertigkeit. Am schönsten: die englischen Stücke voll Herz und Witz. Am frechsten: Clement Doucets geniale Wagner-Parodie Isoldina.
Sonnabend: Zur Pause des Eröffnungskonzerts würde ich am liebsten heimfahren: In Beethovens Jugendsonate f-Moll WoO 47/2 hudelt der 1943 geborene François-Joël Thiollier so, dass er bei Jugend musiziert kaum Chancen hätte. Bei Virtuos-Elegantem von Herz und Czerny wechselt pikante Pianistik mit Ruckhaft-Sorglosem, bei Thiolliers Liszt schwanke ich zwischen Skepsis und Staunen. Zum Glück bleibe ich, genieße kantablen Rachmaninow, lerne Ravels Ballettmusik Parade kennen, die zu den Bildern einer Ausstellung herüberwinkt. Nach Thiolliers strawinskynah effektvoller Bearbeitung von Gershwins Amerikaner in Paris bringt mich die Skrjabin-Zugabe (Linke-Hand -Nocturne op.9/2) dann sogar zum Schwärmen, so traumschön singt der Franzose auf den Tasten. Ein Wechselbad pianistischer Qualitäten! Wie will DeutschlandRadio Berlin das am 30. August senden?
Sonntag: Zu Ekaterina Derzhavinas Konzert würde ich sogar ein zweites Mal fahren: Wie schon beim Husum-Debüt 2005 fesseln Programm und Spiel der russischen Pianistin durch Vielseitigkeit und Konzentration Die spätbarocke Sonate op.1/1 Giovanni B. Plattis hat trotz minimaler Flüchtigkeit Drive und Pianissimo-Initimität. Eislers atonale Klavierstücke op. 3 belebt die Pianistin mit enormem Klangsinn und sprechender Agogik. In Bachs "kleiner" c-Moll-Partita BWV 997 spitzt sie das Wechselspiel der Affekte und Bewegungen vital zu. Höhepunkt des Abends? Vielleicht Alexej Stantschinskys 12 Skizzen op.1 (1908), die Derzhavina zum Reden, Singen, Grübeln und Toben bringt. Stücke, die faszinierend konstruktiv und expressiv Chopins Prélude-Geist in Prokofjews "moderne" Klangwelt führen noch ehe Prokofjew selbst so komponierte.
Tragisch, dass der 26-jährige Stantschinsky 1914 tödlich verunglückte. Pointierte Poesie verleiht Ekaterina Derzhavina Liszts schönen Transkriptionen von Chopin-Liedern und den Schweizerbub-Variationen des 16-jährigen Chopin. Längst ist die Pianistin zum Klavier- und Raritäten-Liebling der Husumer Hörer geworden.
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