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Süddeutsche Zeitung vom 14. Februar 2007
von Jörg Königsdorf
Drechseleien und Schnitzwerk
Festivalchef Peter Froundjian beschwört den Geist der Virtuosen
Irgendwann im Jahr 1970 stieß der 22-jährige Berliner Klavierstudent Peter Froundjian in einem Kopenhagener Schallplattengeschäft auf ein Album, das sein Leben nachhaltig verändern sollte. Auf dieser LP des kleinen amerikanischen Exoten-Labels Genesis spielte eine Pianistin namens Doris Pines Musik eines gewissen Leopald Godowsky: Paraphrasen Über Johann-Strauß-Walzer, mit aberwitzigen technischen Schwierigkeiten verbrämte Chopin-Etüden, Capricen und Kabinettstückchen. Musik, die im Avantgarde-enthusiastischen Europa der Sechziger und frühen Siebziger als ungefähr so scheußlich galt wie die mit Drechseleien und Schnitzwerk überladenen Büffets der Gründerzeit.
Doch Peter Froundjian war auf Anhieb von dieser schillernden Klangwelt fasziniert, von ihrem melancholischen Blick zurück, von der Subtilität, mit der sie ihre Kokons um die Werke des 19. Jahrhunderts webte. Noch heute genügt ihm ein Griff ins Plattenregal, um das schwarzweiße, an den Ecken schon etwas angestoßene LP-Cover hervorzuziehen, obwohl seine Berliner Wohnung längst ein kleines Archiv für die vergessenen Schätze der Klavierliteratur geworden ist: LPs, CDs, Bücher und vor allem stapelweise vergilbter Noten, die Froundjian nach seinem Erweckungserlebnis zu sammeln begann. "Bis ungefähr 1980 wurde die Musik von Komponisten wie. Medtner, Gottschalk und Moszkowski einfach totgeschwiegen - selbst Pianisten wie Wilhelm Backbaus und Arthur Rubinstein, die vor dem Krieg regelmäßig diese Werke gespielt hatten, stellten in den fünfziger Jahren ihr Repertoire völlig um. Das war wie in der Bildenden Kunst, in der man in dieser Zeit mit gegenständlicher Malerei keinen Blumentopf gewinnen konnte. " Dieses "Klima der Verfemung", das der Berliner mit armenischen Vorfahren in seiner Studienzeit erlebte, schlug ihm auch noch entgegen, als er Mitte der achtziger Jahre beschloss, dieser verdrängten Musik ein Forum zu schaffen. In der einstigen Klaviermetropole Berlin zeigte der Senat kein Interesse an der Idee eines Festivals für "Raritäten der Klaviermusik" und ließ den Enthusiasten abblitzen. In hat, erwiesen sich die Stadtväter zum Glück als weniger vorurteilsbelastet: Vor 20 Jahren, im Spätsommer 1987, konnte er hier seine Vision verwirklichen.
AnlaufsteIle für Freaks
Überraschend schnell wurde das Husumer Festival zur Anlaufstelle für all die Freaks, für die Klaviermusik mehr bedeutet als Beethoven, Chopin und Brahms. Und schnell sprach sich auch unter Pianisten herum, dass sich ihnen im Rittersaal des Husumer Renaissanceschlosses die Möglichkeit bot, endlich einmal die Werke zu spielen, bei denen die Konzertveranstalter sonst dankend abwinken. "Tütenweise Angebote" bekäme er mittlerweile, erklärt der Festivalchef - ein deutlicher Beweis dafür, dass sich das Klima geändert hat. Denn rückblickend gesehen, kam das Rusumer Festival zwn richtigen Zeitpunkt - ähnlich wie in den Achtzigern Jugendstil und Historismus wieder zu neuen Ehren kamen, begannen Publikum und Kritik, angeregt durch Pianisten wie Jorge Bolet und Earl Wild, langsam wieder Geschmack an der vergessenen Virtuosenliteratur zu finden. In Zeiten der Postmoderne war es auf einmal wieder erlaubt, sich musikalisch mit der Tradition auseinanderzusetzen. Seit 1989 dokumentiert die dänische Firma Danacord die Husumer Klavierabende mit jährlichen Best-of-CDs, die einen faszinierenden Eindruck von der Vielfalt des Vergessenen vermitteln: Ob sich der kanadische Raritäten-Champion Mare-Andre Hamelin Miniaturen der spätromantischen Außenseiter Radames Gnattali und Georges Catoire aufpoliert, ob die Französin Marie-Catherine Girod sich für die Sonaten vergessener Debussy-Zeitgenossen wie Pierre de Breville und Antoine Mariotte stark macht, jede dieser Husum-CDs ist zugleich eine Demonstration gegen die Eintönigkeit normaler Klavierrecitals. Und das mit Absicht: Die Auswahl, die Froundjian für seine Festival-Sampler trifft, will er zugleich als Plädoyer für eine andere Art des Klavierabends verstandenwissen. Früher sei die Programrogestaltung grundsätzlich abwechslungsreicher gewesen, so Froundjian, "und deshalb war auch Platz für Komponisten, deren Musik man vielleicht nicht einen ganzen Abend überhören wollte. Gerade die virtuosen Miniaturen sind doch wie Schmuckstücke - eines ist ein Blickfang, drei sind schon zu viel." Darüber, dass diese Entdeckungen nicht die Qualitätsurteile der Musikgeschichte umstürzen werden, ist sich natürlich auch der Raritäten-Anwalt im Klaren. Ein Großteil dieser Musik, so gibt er offen zu, ist in Geist und. Ausdruck auf die Zeit festgelegt, in der sie entstanden ist - die zeitlose Substanz einer Beethoven-Sonate dürfe man hier nicht erwarten In manchen Spätsommernächten im Husumer Schloss ist man allerdings gerne bereit, diesen nebensächlichen Umstand einfach zu vergessen.
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