Der Tagesspiegel vom 30. August 2006

von Isabel Herzfeld

KLASSIK

Knifflige Fragen

Was könnte dieser Akkord bedeuten: Eröffnet er Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 oder doch eher Schuberts Fantasie-Sonate? Unter den Teilnehmern des Piano-Quiz' im ehrwürdigen Rittersaal des Husumer Schlosses besteht kein Zweifel: Natürlich Beethoven. Schon zum zweiten Mal leitet Jeremy Nicholas beim Festival "Raritäten der Klaviermusik" in Husum das Piano-Quiz mit kniffligen Fragen zu Werken, Arrangements und Aufnahmen. An diesem Sonntagmorgen, schwört Nicholas, ist die pianistisehe Kompetenz der Welt versammelt. Und tatsächlich treffen sich Wer beängstigend sachkundige Klavier-Fans und -Freaks aus aller Welt.

Wirkt so eine aktive Fangemeinde nicht abschreckend auf die Pianisten? Ganz im Gegenteil: Ein Bonner Rechtsanwalt etwa, erzählt Yaara Tal vom renommierten Duo Tal & Groethuysen, schickte ihnen das Klavierstück "Spiel um ein Kinderlied" von Walter Gieseking zu - das charmante, frech mit Jazzformeln spielende Werkchen von 1948 ziert seitdem ihr Repertoire und begeisterte auch hier. ..Am schlimmsten ist ein Publikum, das selbst nicht spielt, aber alles zu verstehen glaubt", meint Tal. Doch auch andere Pianisten erfüllen sich in Husum regelmäßig die Sehnsucht, einmal etwas anderes zu spielen die alten Publikumsrenner. Marc Andre Hamelin, der schon zum zehnten Mal dabei ist, machte in der Fachwelt durch Entdeckungen von Alkan, Godowsky oder Sorabji von sich reden, kreativen Sonderlingen der Virtuosenszene der Jahrzehnte um 1900 - des Goldenen Zeitalters des Klaviers, wie Festivalgrunder und -leiter Peter Froundjian meint. Vergilbte Salonmusik ist das nicht. Und natürlich jubelt das Publikum, wenn Hamelin etwa, vorführt. wie man gleichzeitig drei a-moll-Etüden von Chopin spielen kann, und das wirklich nur mit zehn Fingern. Shooting Star Gabriela Montero miffetzigen Latino- Improvisationen, Frederik Meinders mit eigenen Lied-Transkriptionen in Lisztscher Tradition, die hochtalentierte Newcomerin Nadejda Vlaeva mit der reizvoll eklektischen Sonate von Sergej Bortkiewicz sowie Cecile Licad mit einem ausladend motorischen Frühwerk von Henri Dutilleux - sie alle zeigen im mittlerweile 20. Jahr des Festivals einen klaviermusikalischen Reichtum, von dem sich auf den ausgetretenen Programmpfaden der Metropolen nur träumen lässt.