"RUCH MUZYCZNY"

(Nr.20/2006 S.28-31) Kacper Miklaszewski

HUSUM Raritäten der Klaviermusik 2006

(Deutsch: Ludwig Madlener)

Eine interessante Datenbank wurde von Ludwig Madlener zusammengestellt, einem pensionierten Lateinlehrer aus Bayern, der zugleich intimer Kenner der Klaviermusik, Amateurpianist und Besitzer einer eindrucksvollen Notensammlung ist; diese Datenbank besteht aus 1754 Einträgen aus den Programmen von 20 Jahrgängen eines Festivals mit selten gespielter Klaviermusik, das jedes Jahr zum Ende des Sommers in Husum stattfindet, einem Hafenstädtchen an der Nordsee im Kreis Nordfriesland. Vor zwei Jahren schrieb ich über das Schloss vor Husum, seinen Saal mit den Kaminen und die Stadt, die dänische und deutsche Traditionen pflegt. Dieses Mal entdeckte ich, dass Franz Liszt der König der selten gespielten Klaviermusik ist und dass polnische Musik in Schleswig-Holstein nicht ganz vergessen ist.

Die letzten zwei Jahre änderten weder etwas an Liszts Vorsprung noch am Profil des Festivals. Nur sehr selten wurde trotz der großen Zahl der Aufführungen ein Stück zwei- oder dreimal geboten. Nur Stücke, die als Zugaben gespielt wurden, tauchen mehr als dreimal auf. Unter den zwölf (!) Aufführungen von Werken Beethovens erklang die Fantasie op.77 dreimal; die Diabelli-Variationen, die Salieri-Variationen WoO 73 und die Variationen über das „Waldmädchen“ wurden je einmal gespielt. „Für Elise“ und Bagatellen wurden nur als Zugaben verwendet. Von Chopin, der häufiger als Beethoven im Programm zu finden war, wurden alle „seltenen“ Werke aufgeführt: Alle Rondos, der Bolero, die Tarantella, die posthumen Polonaisen, die Variationen E-Dur, die Ecossaisen, das Souvenir de Paganini, die Sonate c-Moll und die Variation aus dem Hexameron. Stücke von Czerny erklangen elfmal in der Geschichte des Festivals, zwölf Werke von Joseph Marx, drei von F.X. Mozart, vier von Rossini, neun von Sibelius, fast 40 von Medtner und ganz viele von Skrjabin. Trotzdem sind die Quellen vergessener Musik noch lange nicht erschöpft. Nur dreimal spielten Pianisten Musik von Hummel; Ljapunov und Bortkiewicz sind auf dem Weg zu Stars. Von den Klavierkompositionen von Felix Draeseke, der im Grove nur kurz erwähnt wird, wurde nur 1990 die Sonate op.6 vom deutschen Pianisten Claudius Tanski aufgeführt, der am selben Abend auch die Sonate d-Moll von Antoni Stolpe und die Mazurka op.15 von Jules Zarebski spielte. Sonaten von Josef Woelfl und das Gesamtwerk von Maria Szymanowska warten noch auf ihre Zeit in Husum.

Das Festival 2006 fiel mit dem Mozart-Jubiläum zusammen. So füllte der Name Mozart das gesamte Programm des letzten Konzerts des Klaviervirtuosen Cyprien Katsaris. Aber von den Originalwerken Mozarts kamen nur die c-Moll-Fantasie KV 396 und die ersten drei Kompositionen des noch sehr jungen Mozart zu Gehör. Der Klavierabend begann mit der Sonate Nr.3 von L. Mozart, einem reizenden Stück mit seinen cembaloartigen Verzierungen, von Katsaris mit erstaunlicher Leichtigkeit gespielt. Dann folgte die Transkription der Kindersymphonie von Matthew Cameron mit wunderschönen Akkorden, die im Menuett außerhalb der Tonart die Kinderinstrumente nachahmten, und die zwei Menuette aus Nannerls Notenbuch. Laut einer Notiz Leopolds auf dem Manuskript, die Katsaris vorlas, lernte Mozart das zweite in einer halben Stunde: „Dieses Menuet und Trio hat der Wolfgangerl den 26ten January 1761 einen Tag vor seinem 5ten Jahr um halbe 10 Uhr nachts in einer halben Stunde gelernet.“ In einem Teil seines Rezitals, das Katsaris der Familie Mozart widmete, spielte er die Polonaise mélancolique e-Moll op.17,2 und Variationen über das Menuett aus Don Giovanni von Franz Xaver Mozart. Nach der Pause bot der Pianist als Eigenkomposition die Fantasie „In Memoriam Mozart“, eine, wie er sagte, Übung zur Vorbereitung auf die Klavierkonzerte von Amadeus, Mozarts eigene Klavierversion der Ouvertüre zur „Entführung aus dem Serail“, seine, Katsaris´ Bearbeitung der ersten Arie eben dieser Oper und die g-Moll-Symphonie KV 550 in der Transkription für Soloklavier von J.N. Hummel. Leider konnte es Katsaris, der das Publikum durch seine Fingerfertigkeit, die Qualität seines Anschlags und seine reiche Palette an Klangfarben beeindruckte, nicht vermeiden, ein Opfer seiner Leichtigkeit zu werden, indem er ein so schnelles Tempo wählte, dass weder er selbst noch die Zuhörer auf musikalische Details achten konnten. Viele Feinheiten der unglaublich reichen Bearbeitung von Hummel, der alle kontrapunktischen Verflechtungen der g-Moll-Symphonie den zwei Händen des Pianisten anvertraut, gingen verloren.

Ein Gegenstück zur Virtuosen-Show von Katsaris bildete das Galakonzert, welches das Festival eröffnete. Den drei Teilen gingen kurze Jubiläumsansprachen voraus. Dann begann der Klavier-Marathon mit Hamish Milne, einem Pianisten, der über eine zuverlässige Technik ebenso verfügt wie eine feinsinnige Vortragskultur. Er wählte einen romantischen Stil, um den Zuhörern eine Epoche nahezubringen, in der die zwei Bach-Transkriptionen von Goedicke und Siloti entstanden. Mit Webers Rondo brillant Es-Dur beeindruckte Milne durch seine charmante Artikulation, die der klassischen Rhetorik bestens gerecht wurde; in den 6 Märchen op.51 verzauberte er das Publikum durch seine Fähigkeit, eine weit gespannte Kantilene durch ein virtuoses Stimmengeflecht hindurch zum Klingen zu bringen. Beim abschließenden Capriccio espagnol op.37 von Moszkowski gelang es ihm mit seiner ungewöhnlichen rhythmischen Disziplin, virtuose Taschenspielereien mit musikalischem Humor zu vereinen.
Nach einer langen Pause, die Zeit bot, alte Freunde zu begrüßen, belegte Brötchen zu essen und Fachgespräche zu führen, verwandelten das schauspielerische Talent und der Charme von Yaara Tal den Vortrag von Tal & Groethuysen in ein beglückendes Spektakel. Angeregt von ihren Erläuterungen machten sich die Zuhörer Gedanken, welche Teile von Allegro und Andante G-Dur KV 357 von Mozart, die in dieser Interpretation aus einem sehr intensiven Dialog ohne Worte bestanden, aus dem unvollständigen Manuskript des Komponisten und welche vom Herausgeber Robert Levin stammen. Im Spiel um ein Kinderspiel von Walter Gieseking, einer Sammlung von Variationen über „Ah vous dirai-je maman“, fühlte sich das Duo dazu angeregt herauszuarbeiten, wie gründlich der Komponist fast die gesamte Klangpalette des Klaviers verwendet. Ganz kurze Erklärungen von Yaara Tal zu jedem der 15 Portraits d´enfants de Auguste Renoir von Jean Françaix zauberten ein vergnügtes Lächeln auf die Gesichter der Zuhörer, manchmal gleich nach den Worten, spätestens aber nach den ersten Tönen, die folgten. Das Rezital von Tal & Groethuysen endete mit Ausschnitten aus den Souvenirs op.28 von Samuel Barber, Kompositionen von außerordentlichem Einfallsreichtum.
Nach der zweiten langen Pause (mit Small-Talk und einer Tasse Kaffee mit Gebäck in der Hand) kam der Auftritt von Gabriela Montero, einer Pianistin aus Venezuela, mit ihrem Debut in Husum. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere daran, dass sie beim Chopin-Wettbewerb 1995 einen dritten Preis gewann. Sie gestaltete den letzten Teil des Piano-Marathons mit Stücken von Ginastera, Moisés Moleiro, der lange Zeit Professor am College of Music in Caracas war, und ihren eigenen Improvisationen. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich niemals jemandem vorher zugehört habe, der sich am Klavier so mühelos selbst ausdrücken kann. Nach zwei Improvisationen nach Motiven von Bach improvisierte Montero über Motive, die ihr aus dem Publikum zugesungen oder -gepfiffen wurden. Indem sie ihren musikalischen Vortrag mit zwingender Logik aufbaute, kombinierte sie das Thema aus dem ersten Satz der Mozart-Sonate KV 331 mit Elementen aus dem Modern-Jazz, Schuberts Forelle mit Anklängen aus Liszt-Rhapsodien und La Fiesta von Corea, La donna e mobile mit einem duftigen Walzer, und streute an den unerwartetsten Stellen dreistimmige Kontrapunkte und teuflische Tangos ein. Ihre Selbstbeschränkung (die Improvisationen dauerten nicht länger als fünf Minuten), ihre funkelnde Technik und ihre unbestreitbare Musikalität verleihen ihr eine Ausnahmestellung unter den heutigen Virtuosen.

Marc-André Hamelin, der Interpret des nächsten Abends in Husum, sorgte dafür, dass die am ersten Abend aufgebaute Spannung nicht nachließ. Auswendig und mit unglaublicher Präzision (zwei Kenner in meiner Nähe verfolgten sein Spiel mit den Noten und schüttelten immer wieder verblüfft und respektvoll den Kopf) bot er die Concord-Sonata von Ives und das Rudepoêma von Villa-Lobos mit herzerfrischender Musikalität. Eine klare Vorstellung von der Sonatenform zusammen mit einer deutlichen Hervorhebung der Motive sorgten für eine nie nachlassende Spannung unter den Zuhörern. Das Werk von Villa-Lobos faszinierte durch die Vielfalt seiner musikalischen Einfälle und seiner modernen Klangwelt, und die Interpretation durch prachtvolle Plastizität. Nicht vergessen werden sollte, dass vor der Sonate mit den Three Poems von Frank Bridge auch das lyrische Element zu seinem Recht kam und außerdem vor dem Rudepoêma die Sonatina concertante op.28 von Pantscho Vladigerov erklang, eine wundervolle Post-Ravel-Musik, in klare Sonatenform gegossen.

Die Aura des Bedeutungsschweren war nicht gefragt am 21. August beim Klavierabend von Frédéric Meinders, einem holländischen Pianisten, der in Südamerika lebt. Er hat eine Vorliebe für Paraphrasen, Transkriptionen und Pastiches und spielt sie meisterhaft. Sein Rezital bestand aus Stücken, die normalerweise als Zugaben gespielt werden und die er mit leichter Hand, ja fast lässig zum Klingen brachte, eben wie Zugaben. Die einzige Ausnahme waren die Variationen über ein polnisches Volkslied op.51 von Liadow, ein wundervolles Stück, mit dem Krakowiak der letzten Variation als virtuose Herausforderung. Meinders traf genau den Klavierstil des Salons der goldenen Ära des Instruments, und zwar mit seiner eigenen Bearbeitung des Schumanns Dichterliebe, Godowskys Lied Does the Harp of Rosa Slumber, ebenso wie mit Bearbeitungen von Strauss-Liedern durch Reger und Gieseking und einem bezaubernden Ausschnitt aus dem Ballett Callirhoé von Cécile Chaminade. Musikstudenten, die mit ihren schnellen Fingern glänzen wollen, sollten sich an ihm ein Beispiel nehmen und The Enchanted Nymph von Mischa Levitzki einstudieren, ein ausgefeiltes Gefüge verschiedenartiger pianistischer Anforderungen.

Nadejda Vlaeva, eine junge bulgarische Pianistin, debütierte beim Husum-Festival am 22. August mit einer beeindruckenden Reihe von Stücken, wie den Gargoyles op.29 des New Yorkers Lowell Liebermann mit einer effektvollen Toccata am Schluss, der Sonate Nr.2 cis-Moll von Bortkiewicz, der Meditation op.39 und dem Märchen op.8,2 von Medtner und Clara Schumanns Präludium und Fuge g-Moll op.16,2, einem kurzen und prägnanten Werk. Nach der Pause begab allerdings auch sie sich auf virtuoses Terrain und spielte die entzückenden Feux follets op.24,3 von Isidore Philipp, die Romanze e-Moll, den Czardas macabre und die Ungarische Rhapsodie Nr.9 von Liszt, schließlich die Ballade und das Spinnerlied aus dem Fliegenden Holländer von Wagner in der Bearbeitung Liszts und Cziffras Version des Ungarischen Tanzes Nr.5 von Brahms. Ich fand es offen gesagt die ganze Zeit erstaunlich, wie diese zarte junge Frau, eingeschränkt durch technische Probleme wegen ihrer steifen Handhaltung und den eng an den Körper angewinkelten Oberarmen, alle Schwierigkeiten dieser Kompositionen meisterte; wenn auch hin und wieder rhythmische Ungenauigkeiten zu hören waren, so brachte sie durch ihre über jeden Zweifel erhabene Musikalität die Form jedes einzelnen Stückes klar zur Geltung, und ihre Fähigkeit, geschickt zu artikulieren hielt die Spannung beim Hörer stets aufrecht. Das Husumer Publikum erkannte ihr ausnehmendes Talent und bedachte sie mit lang anhaltendem Applaus.

Die nächsten zwei Abende wurden von Pianisten bestritten, die den Festival-Fans wohlbekannt waren. Jonathan Plowright brachte die Suite im alten Stil von Ernst v. Dohnanyi mit, eine Komposition mit dem Aufbau und dem Stil von Werken Bachs, aber realisiert mit den Besonderheiten der spätromantischen Musiksprache; wunderschön die Sarabande im Zentrum des Zyklus! Außerdem spielte er vier für unsere heutigen Ohren ungewöhnlich klingende Bearbeitungen Bach´scher Werke von Walter Rummel (1887 – 1953) aus den 20er und 30er Jahren, Chant d´amour von Josef Suk und eine umfängliche Sonate in es-Moll von Paderewski. Sein Klavierabend fand großen Beifall, nicht nur wegen der Klarheit des Vortrags und der Perfektion des Klavierspiels, sondern auch wegen des perfekt gewählten Repertoires, das Einblick in die Strömungen der romantischen Klaviermusik des 19. und 20. Jahrhunderts gewährte.

Am nächsten Tag bot Cecile Licad eine Avantgarde-Version fast der gleichen Epoche. Frei, fast improvisierend, interpretierte sie Im Nebel von Janácek und zwei selten gespielte Impromptus op.12 von Skrjabin. Licad traf genau den russischen Ton in dieser Musik, nämlich frei, fast ohne motorischen Drive, so wie ich mich aus meiner Kontrapunkt-Klasse bei dem Komponisten Dimitri Tolstoi, dem Sohn des Dichters Alexej, am Rimsky-Korsakov-Konservatorium in den frühen 70ern erinnern kann. Licad konfrontierte mit der Suite Napoli von Francis Poulenc die Zuhörer gleich von Anfang an mit sehr verschiedenen ästhetischen Facetten und konnte im abschließenden Stück des Zyklus Capriccio italien ihre funkelnde Technik zeigen. Nach einem hübschen Nocturne von Guy Ropartz setzte sie das Publikum mit ihrer Interpretation der großen Sonate von Henri Dutilleux aus dem Jahr 1948 in Erstaunen. Perfekt errichtete sie das große Gebäude dieser Komposition. Sogar in Abschnitten, in denen sie mit geradezu diabolischem Temperament spielte, verlor sie nicht die musikalische Bedeutung der Motive und der rhythmischen Muster aus den Augen; der Pedalgebrauch war schlichtweg perfekt.

Der Freitagabend, der vorletzte des Festivals, gehörte Eldar Nebolsin, einem jungen Pianisten aus Taschkent. Er vereinigte in seinem Programm mehr oder weniger bekannte Musik. Bei seiner Interpretation von Chopins Variationen op.2 trennte Nebolsin klar die Orchester-Ritornelle vom Soloklavier-Part, indem er einen zweiten Schauplatz mit der raffinierten Variante jedes Ritornells in Verbindung mit einer Variation eröffnete. Diese geistreiche Idee passte sehr gut zu der theatralischen langsamen Variation und der sehr polnischen Polonaise in der letzten Variation. Vorausgegangen waren fünf Sonaten von Antonio Soler, klanglich eher vom Flügel her gedacht, aber durchsichtig genug, um den Zuhörer von ihrer bezaubernden Schönheit zu überzeugen. Weniger bekannte Preludes (sieben aus op.32) von Rachmaninow und vier Etudes d´éxécution transcendante op.11 von Ljapunov bildeten den zweiten Teil des Konzerts. Haben wir wirklich das Recht, das Werk Ljapunovs zu vergessen, während wir an Rachmaninow mit unverbrüchlicher Treue hängen? Den größten Eindruck des Klavierabends aber machte die Chaconne von Sofia Gubaidulina. Nebolsin ist ein Meister der Stimmungswechsel und plötzlicher Einführung unerwarteter Klangfarben und Artikulationen. Seine inspirierende Interpretation zusammen mit absoluter Präzision machten aus diesem 1962 komponierten und 1969 veröffentlichten Stück ein Meisterwerk.

Die Klavierabende wurden nicht nur mit Gesprächen über musikalische Neuentdeckungen in Büchereien und Antiquariaten begleitet. Bilder und kurze Biographien von skandinavischen Pianisten waren an der Stelle angebracht, wo voriges Jahr die Portraits polnischer Pianisten zu sehen waren. Thomas Tellefsen (1823 – 1874), ein Schüler und Freund Chopins, eröffnete die Galerie, Ilmar Hannikainen (1893 – 1955), ein nicht weniger fruchtbarer Komponist als Sibelius, beschloss sie.

Eine Matinee, traditioneller Bestandteil des Festivals am Sonntagmorgen, war dieses Mal einem Klavier-Quiz gewidmet, das von Jeremy Nicholas vorbereitet und moderiert wurde, einem Engländer mit viel Erfahrung, in verschiedensten Medien für klassische Musik zu werben. Er versprach, dass die Fragen einfacher sein würden als in seinem ersten Quiz 2004, und machte dem Publikum das Kompliment, es repräsentiere das geballte Wissen über die Klaviermusik auf dem Globus. Das Quiz bestand aus den Aufgaben, Stücke zu identifizieren, die entweder unter Opus 20 oder Nummer 20 verschiedener Komponisten laufen (um an das 20jährige Jubiläum der „Raritäten“ zu erinnern), ein Stück nach dem ersten Ton zu erraten, Pianisten-Komponisten an ihren Aufnahmen zu erkennen, die Schöpfer verschiedener Transkriptionen Mozarts (zum Mozart-Jubiläum!) zu identifizieren und Themen von Variationen herauszufinden. 52 Punkte waren maximal möglich. Der Gewinner Stefan Romansky, Rechtsanwalt aus Bonn und aktives Mitglied des Fördervereins, erreichte 39 Punkte. Zwei Punkte weniger waren es für Ludwig Madlener, ebenfalls aktives Mitglied. Der Preisträger von 2004, Marc-André Hamelin, wurde Dritter, und den vierten Preis gewann Farhan Malik, ein Musikwissenschaftler aus New York. Drei Personen erreichten je 31 Punkte, von denen nach einem rigiden Tie-Break Mrs. Rigmor Buhl den fünften Preis zugesprochen bekam. Der Vertreter von „Ruch Muzyczny“ hat noch eine Menge zu lernen, um mit dem Wissen der Preisträger mithalten zu können.

Klavierkenner und Klaviermusik-Liebhaber, alles Amateurpianisten, traten am 25. August am frühen Nachmittag im Gebäude des Alten Gymnasiums auf, das mittlerweile in ein Luxushotel umgewandelt wurde. Während des Wohltätigkeitskonzertes wurde Geld zur Unterstützung des Fördervereins gesammelt. Und es wurde auf beglückende Weise musiziert. Technische Fertigkeiten, künstlerische Reife und große musikalische Talente, die sich hinter den nicht-musikalischen Biographien der auftretenden Personen verbergen, erstaunten sogar die zuhörenden Profis.

Wir bekamen Mendelssohns eigene vierhändige Bearbeitung des 1. Satzes seines Oktetts op.20 zu hören (gespielt von Ludwig Madlener und Joachim Hammer), eine Fughetta (1853) und die Träumerei von Schumann (Michael Struck, der letztes Jahr einen interessanten Vortrag über die richtigen Tempi bei Schumann gehalten hatte), eine Eigenkomposition von Herrn Strucks Tochter, von Vater und Tochter vierhändig vorgetragen, Medtner Idylle op.7,1 und Primavera op.39,3 (Rita Hamilton aus den USA), Bortkiewiczs Tempo di Valse aus den Russischen Melodien und Tänzen op.31 für Klavier zu vier Händen (Rita Hamilton und Stefan Romansky), dessen Etüde es-Moll op.15,2 und der Fledermaus-Walzer von J.Strauß/Grünfeld (Neal McKelvie, ein Chemie-Professor aus den USA). Ludwig Madlener, Joachim Hammer und Stefan Romansky spielten dann die Fantasie über ein Schweizer Lied sechshändig von Czerny (was für eine Spieltechnik!). Joachim Hammer improvisierte in faszinierender Weise über Happy Birthsday, zwei Gäste aus Japan, Yuko Nichimura-Kopp und Satoru Takaku, boten vier Arrangements über japanische Volkslieder. Frank Obermeyer spielte einen Tango von Piazzolla und eine Ballade mit dem Titel „Crazy Man“. Das Duo Madlener-Hammer hatte noch einen Auftritt mit der Toccata aus Boëllmanns Suite gotique für Orgel. Zum Schluss spielte ein charmantes internationales Trio das noch charmantere Dreyblatt von Wilhelm Friedrich Ernst Bach. Satoru Takaku und Rita Hamilton saßen am Flügel auf ihren Klavierstühlen, und Stefan Romansky, auf einem Kissen am Boden kniend, folgte den Anweisungen des Komponisten und war von hinten für die obersten und untersten Register des Stückes zuständig.

Peter Froundjian widmete seinen Vortrag der Erinnerung aus Schumanns Album für die Jugend op.68 dem Andenken von Karl-Heinz Christiansen, der einige Tage vor Beginn des Festivals verstorben war und lange Zeit Gönner und Sponsor der „Raritäten“ gewesen war. Das Nachmittagskonzert im Alten Gymnasium war für sich ein großes Fest der Klaviermusik, und das ganze Festival war eine Quelle emotionaler Erfahrungen und kaum zu überbietenden Wissengewinns. Lange mögen die „Raritäten der Klaviermusik“ leben!