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"RUCH MUZYCZNY", Warschau
(Nr.20/2006)
Interview mit Peter Froundjian
Künstlerischer Leiter des Festivals, im Gespräch mit Kacper Miklaszewski
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem "Raritäten der Klaviermusik" – Festival des ersten Jahres und dem diesjährigen 20.?
Wenn man das Programm des ersten mit dem des diesjährigen Festivals vergleicht, wird man keinen großen Unterschied feststellen – das Konzept stimmte schon beim ersten, ebenso wie beim zweiten und dritten Festival. Ab dem dritten Jahr war das Festival sozusagen tabliert. Auch heute noch leiten mich die gleichen Intentionen wie im ersten Jahr.
Gibt es irgendwelche Stücke, die die Pianisten besonders gerne spielen und die deshalb mehrfach im Programm auftauchten während der vergangenen 20 Jahre?
Ich versuche, Wiederholungen bestimmter Stücke zu vermeiden, doch habe ich nichts dagegen, dass ein Stück in einem anderen Jahr zum zweiten Mal gespielt wird, wenn es zu den wirklich selten gespielten Werken gehört wie z.B die Sonate von Paul Dukas oder die Sonate von Henri Dutilleux – wir hatten sie beide zweimal im Programm des Festivals bisher.
Aber zwischen den Aufführungen lagen mehr als zehn Jahre. Es sind ja auch anspruchsvolle Kompositionen – schwierig sowohl zu spielen als auch in ihren Anforderungen an die Konzentrationsfähigkeit der Zuhörer, daher werden sie immer zu den selten gespielten Werken gehören. In Husum sind sie jedoch am rechten Platz.
Ist es schwierig, ein solches Festival zu organisieren? Wollen Pianisten eigentlich gerne selten gespielte Musik spielen, und ist es leicht, diejenigen zu finden, die bereit sind das zu spielen, was Sie in Husum präsentieren wollen?
Zunächst muss ich natürli ch die richtige Auswahl treffen. Es gibt ja Pianisten, die auf anderen Gebieten der Klavierliteratur tätig sind, um es mal so auszudrücken. Aber es gibt schon genug Pianisten, die hier gerne spielen möchten – aber wie in der handverlesenen Auswahl der Programmpunkte sind sehr viele verschiedenartige Komponenten zuberücksichtigen, wenn ich Pianisten für’s Festival engagiere. Manchmal bekomme ich unverhoffte Vorschläge, die meine Pläne für das Gesamtprogramm eventuell sogar in eine andere Richtung lenken. An den Programmvorschlägen an sich nehme ich in der Regel nur kleine Änderungen in Absprache mit dem jeweiligen Pianisten vor.
Vor zwei Jahren erwähnten Sie mal, dass Pianisten auch Stücke speziell im Hinblick auf Husum ein – studieren, Wie oft ist das der Fall?
Hin und wieder eigentlich fast jedes Jahr. Ich bin sehr froh, wenn Pianisten dazu bereit sind, um ihr Programm damit noch interessanter, noch einmaliger zu machen. Manche tun sich damit aber schwer und ziehen es vor, etwas aus ihrem gegenwärtigen Repertoire vorzuschla-
gen, was mir dann wiederum vielleicht nicht passt. Andere , wie z.B. Cecile Licad, haben wirklich großes Engagement für die Sache bewiesen, indem sie neues Repertoire gelernt haben. So bestand ihr gestriges Konzert fast ausschliesslich aus Werken, die sie neu dafür
einstudiert hatte. Sie erzählte mir, dass sie Teile dieses Repertoires in anderen Konzerten wiederverwenden werde, kombiniert mit Werken aus ihrem laufenden Repertoire. Das freut mich natürlich sehr, wenn ich sehe, dass meine Vorschläge – einbezogen in andere Programme – auf diese Weise weitere Verbreitung finden.
Werden die Mitglieder bzw. der Vorstand des Fördervereins „Raritäten der Klaviermusik e.V.“ in der übrigen Zeit des Jahres auf dem laufenden gehalten ? Geben sie womöglich Anregungen oder assistieren sie Ihnen bis das endgültige Programm steht?
Die Fördervereinsmitglieder werden in der Regel zweimal im Jahr mit wichtigen Informationen das Festival betreffend versorgt, es gibt hier und da auch mal Anregungen, die ich aufgreife, wenn sie mir ins Konzept passen , aber im Grunde verlasse ich mich auf meine eigenen
Ideen, meine "innere Stimmgabel". Es gibt natürlich Fälle, in denen besonders kundige Mitglieder mir unter die Arme greifen, wenn ich in fachlicher Hinsicht (Notenbeschaffung etc.) Hilfe benötige.
Ich weiß, dass ein sehr junger Schüler von Ihnen ( 9 Jahre alt ) bereits seltenes Repertoire spielt. Glauben Sie, dass junge Pianisten – und jetzt denke ich auch an Absolventen von Musikhochschulen und Konservatorien – unbekanntes, abseitiges Repertoire lernen wollen, um eines Tages eventuell als neuer Star beim Festival in Husum entdeckt zu werden?
Ich bin überzeugt davon, dass es wichtig für einen Lehrer ist, vielfältige Repertoirekenntnisse zu besitzen. Im Falle meines außergewöhnlich begabten Schülers Timo Jürgensen standen wir letztes Jahr vor der Frage, welches Klavierkonzert er anlässlich des Jubiläumskonzerts zum 25 – jährigen Bestehen der Kreis – Musikschule Nordfriesland mit dem aus erwachsenen und jugendlichen Amateuren bestehenden Orchester spielen könnte. Hier hätten die meisten eins der „leichteren“ Mozart – Klavierkonzerte gewählt, nicht wahr? Ich wusste von der Existenz des "Klavierkonzert für kleine Hände op.53" von Feliks Rybicky und hatte das Glück, dass mir Herr Prof.Karol Penson, ein mir bekannter Klavierenthusiast aus Paris, auf Anfrage den Klavierauszug besorgen und zusenden konnte. So kam es dazu, dass am 18.Mai 2006 die Deutsche Erstaufführung dieses äusserst sympatischen, in moderat moderner Tonsprache gehaltenen Konzerts in Husum stattfand.
In diesem Zusammenhang, d.h. was den pädagogischen Aspekt des weniger gespielten Klavierrepertoires betrifft, bin ich im Laufe der Zeit zu folgender Theorie gelangt:
Ich glaube, dass es für einen Klavierschüler bzw.- studenten, der Zugang zum Stilempfinden romantischer Klaviermusik sucht, von Vorteil ist, wenn ihm der Weg dahin eher über Werke von z.B. Ljadow, Arensky, Pachulski u.a.geebnet wird als über die von sowohl berufenen wie auch unberufenen Händen viel, ja fast allzu viel gespielten ( und dabei nicht selten geschundenen) Werke von Chopin. Die Klavierstücke jener genannten Komponisten sind pianistisch hervorragend gearbeitet und sind eindeutiger interpretierbar als die klanglich oftmals schwer zu fassende Textur Chopins, die größere Erfahrung voraussetzt. So lernt man stilistische Grundlagen anhand musikalisch leichter interpretierbarer Stücke, bevor man sie in den Meisterwerken anwendet.
Ich glaube auch, dass die Beschäftigung mit Kompositionen solcher Meister wie Hummel oder Moscheles, die manches vorwegnahmen, was den Chopinschen Stil ausmacht, von Vorteil ist.
Sie haben vollkommen recht. Aber in der Realität sieht es ganz anders aus – aus dem einfachen Grunde, dass die meisten Lehrer diese Stücke gar nicht kennen. Es passiert nicht selten, dass junge Pianisten späte Beethoven-Sonaten spielen, denen sie oftmals weder technisch noch mental gewachsen sind. Die Lehrer dieser Schüler sollten sich vergegenwärtigen, was schon Czerny einst dazu gesagt hat.
Sind Sie sich der Problematik bewusst, dass Ihr angestammtes Publikum auch nicht jünger wird, um es mal so auszudrücken. Denken Sie daran, auch bei einem jüngeren Publikum für Ihr Festival zu werben?
Das ist schon ein wichtiges Problem, doch wie sollten wir es angehen, wenn unser Festival in den letzten Jahren schon bald nach dem Beginn des Kartenvorverkaufs so gut wie ausver – kauft ist und das Interesse im Moment größer ist als dass wir jedem Kartenwunsch nachkommen können ? Andrerseits darf man nicht übersehen, dass die "Raritäten der Klaviermusik" ein Festival für Connaisseurs sind. Normalerweise lernt man ja zunächst die Meisterwerke der klassischen Musik kennen; wenn man die wichtigsten Werke von Bach, Mozart, Beethoven, Chopin und Liszt immer wieder gehört hat, beginnt man auch andere Komponisten zu entdecken, in der Klaviermusik sehr wichtig z.B. Skrjabin und Rachmaninoff , aber auch manch andere. Erst ab einem gewissen Kenntnisstand wird man dieses Festival hier verstehen und zu würdigen wissen. Der Wert der Meisterwerke in der Klavierliteratur bleibt unangefochten bestehen – man kann es auch so sehen, dass sie bei diesem Festival ausnahmsweise "geschont" werden...
Ich stimme mit Jeremy Nicholas überein, wenn er behauptet, das Publikum in Husum während der Festivalwoche versammle vermutlich die umfassendste Kenntnis von Klaviermusik im Weltmaßstab. Kann ich davon ausgehen, dass Sie in absehbarer Zeit keine dramatischen Änderungen Ihrer Konzeption
planen?
Ihre Vermutung ist richtig. Warum sollte ich etwas ändern, solange ich überzeugt bin, in diesem Rahmen eines der interessantesten Klavierfestivals präsentieren zu können, die es gibt?
Vielen Dank für das Gespräch!
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