Argauer Zeitung (Schweiz) vom 16. August 2006

von ELISABETH FELLER

Alles ist erlaubt, was rar, originell und gut ist

KLASSIK Pianofans feiern in der nordfriesischen Storm-Stadt Husum das 20-Jahr-Jubiläum des Festivals «Raritäten der Klaviermusik» mit Interpreten, die ein Flair für entlegene Repertoire-Pfade haben.

Wen es zu kammermusikalischen «Spannungen» zieht, sucht Deutschlands schönstes Jugendstilkraftwerk in Heimbach auf. Wer dem Piano rettungslos verfallen ist, findet blind den Weg zum Schloss vor Husum und damit zu den «Raritäten der Klaviermusik». Im gerade mal 160 Plätze aufweisenden, akustisch vorzüglichen Rittersaal versammeln sich dort seit 1987 weitangereiste Pianophile, um innert einer Woche neunmal in Musikreiche abzutauchen, wie sie nirgendwo sonst zu finden sind.

Das liest sich nur auf den ersten Blick vermessen. Denn wer Peter Froundjian (Festival-Gründer, Pianist und Jurymitglied bei Klavierwettbewerben) über Konzept und Künstler befragt, merkt auf: In der nordfriesischen Storm-Stadt Husum wird das Publikum weder die 1111. Interpretation von Beethovens «Mondscheinsonate» noch die 888. Wiedergabe von Bachs «Goldbergvariationen» zu hören bekommen. Dafür etwa Werke von Nikolaj Medtner, Florent Schmitt, Alexej Stantschinsky oder – wie schon bald – von Cécile Chaminade, Sergej Bortkiewicz und Mischa Levitzki. Diese Komponisten stehen stellvertretend für jene vielen «zu Unrecht Vernachlässigten», die Froundjian mit Akribie und Lust aufspürt: In Bibliotheken oder im Austausch mit Pianistinnen und Pianisten, die ein Faible für entlegene Repertoire-Pfade haben.

DIE NEUGIER auf so genannt Randständiges gab den Ausschlag für die Gründung des Festivals. Medtner steht beispielhaft dafür: Wie ein Leitmotiv ziehen sich seine Werke durch die Programme. Für ihn macht sich in diesem Jahr Hamish Milne stark; für Charles Ives und Frank Bridge der Kanadier Marc- André Hamelin. Der Alkan-Spezialist ist gern gesehener Gast in Husum und dort nicht nur ein Held der Tasten, sondern auch des sportiven Denkens beim kniffligen Piano-Quiz. Als weitere Gäste erwartet das Festival das Duo Tal & Groethuysen, Gabriela Montero, Frédéric Meinders, Nadejda Vlaeva, Jonathan Plowright, Cecile Licad, Eldar Nebolsin und Cyprien Katsaris.

Sicher kann man den Genannten mehr oder weniger häufig in den Musikmetropolen der Welt begegnen, aber kaum je in Verbindung mit Werken, die für sie förmlich massgeschneidert sind. Für Froundjian ist das der springende Punkt: «Ich kenne die Pianistinnen und Pianisten gut; ich weiss also, was sie spielen können und was sie spielen könnten. »Diese aus Kenntnis und Respekt genährte, treffliche Einschätzung der Eingeladenen führt zu fulminanten Programm-Konstellationen.
Geistreiche Petitessen paaren sich innerhalb eines Konzerts mit virtuosen Brocken. «Für jeden Abend eine Sensation», verspricht Peter Froundjian, was nicht die Spur angeberisch klingt. Denn die Sensation bezieht sich weniger auf die ausser-gewöhnliche Pianistik oder die konträren pianistischen Temperamente, sondern auf etwas anderes: «Das Programm ist unser heimlicher Star», betont Froundjian und meint damit: Alles ist erlaubt, was rar, originell und gut ist.

Raritäten der Klaviermusik
Schloss vor Husum, 19. bis 26. August.
www.piano-festival-husum.de