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SHZ-Verlag vom 29. August 2006
von Christoph Kalies (Nordfriesland Tageblatt, Husumer Nachrichten, Flensburger Tageblatt, Landeszeitung usw.)
Von Mozart bis Gubaildulina: Alte und Neue Musik zum Ausklang der „Raritäten“
Husum
Gibt es Klaviermusik von Mozart, die keiner kennt? Die Frage beantwortete der Pianist Cyprien Katsaris am letzten Abend des diesjährigen Festivals „Raritäten der Klaviermusik“. Natürlich gibt es fast nichts Unbekanntes aus der Feder des Salzburger Genies. Dafür aber mehrere Mozarts: Neben Wolfgang Amadeus seinen Vater Leopold und seinen Sohn Franz Xaver – alle drei können durchaus einen Raritäten-Abend mit Werken beliefern.
Leopolds Sonate Nr. 3 atmet vorklassischen Geist, ist mit flinken Läufen und barocken Trillerketten reich gespickt. Dass die Menuette aus dem Nannerl-Notenbuch von „Wolfgangerl“ in Rekordzeit verinnerlicht wurden, mag die große Schwester gewurmt haben. Katsaris präsentierte die Werke delikat, mit fein nuancierten Stimmen und gab die drei ersten Kompositionen des fünfjährigen Wolfgang dazu. Franz Xaver zeigt sich mit seiner „Polonaise Melancholique“ als Vordenker der Romantik, wie auch Wolfgangs unvollendete und von Maximilian Stadler vervollständigte Fantasia c-Moll KV 396 mit ihrer dramatischen Expressivität weit in die Zukunft weist. Klavierauszüge der Ouvertüre zur „Entführung aus dem Serail “ und der Sinfonie Nr. 40 g-Moll, in deren Kopfsatz Katsaris das Pianistische gekonnt hervorhob, runden das Bild ab. Ein umjubelter Schlussabend mit sechs faszinierenden Zugaben.
Zwei Tage zuvor hatte Cecile Licad den Schwerpunkt auf Musik des 20. Jahrhunderts gelegt und deutlich gemacht, wie ernst man die Titel des Mähren Leos Janácek nehmen muss. Seine Suite „Im Nebel“ evozierte dank der filigranen Spielkunst Licads Assoziationen wabernder Schwaden, vorsichtig tastender Schritte und plötzlich aufreißender Klarheit. Zwischen Ironie à la Eric Satie und kapriziöser Spieltechnik bewegte sich „Napoli“ von Francis Poulenc. Einfach faszinierend war die Sonate des Franzosen Henri Dutilleux von 1948, deren Choralthema zwischen aggressiven Zwölftonskalen und der fast schon überirdischen Harmonik eines Oliver Messiaen bewegt. Nicht nur hier bewies Licad enorme dynamischen Bandbreite – und am Ende große Zugabenfreude.
Eine Klavierwanderung durch die Zeiten bescherte der Usbeke Eldar Nebolsin dem begeisterten Husumer Publikum. Sofia Gubaidulinas 1969 erschienene Chaconne ließ dabei nicht nur im Titel Rückbesinnung auf die Tradition erkennen, sondern verwies mit plötzlich auftauchenden Harmonie-Sequenzen und kontrapunktischen Basslinien auf Bach. Anschließend präsentierte Nebolsin mit Antonio Soler (1729-1783) einen frühen Tasten-Komponisten. Die an barocker Verzierungskunst und raffinierter Polyphonie reichen Sonaten des Spaniers gelangen Nebolsin prachtvoll und mit einem durch raffinierte Terrassendynamik faszinierend nachempfundenen Cembalo-Klang.
In der Abteilung Virtuosenpranke frappierte der 32-jährige Nebolsin mit vier „Etudes d’execution transcenante“, die dem Vorbild Liszt alle Ehre machen, und mit sieben Preludes aus dem Opus 32 von Sergej Rachmaninow, die den russischen Spätromantiker von seiner dunkel-sarkastischen Seite zeigen.
Und dann gab’s noch Neues von Frédéric Chopin: Variationen über „La ci darem la Mano“ aus „Don Giovanni“ von – Mozart!. Ein grandioses Stück, das mit einer endlosen Einleitung beginnt und einer brillant vorgeführten Polonaise ausklingt. Zugaben? Ehrensache in Husum! Auch die 20. Ausgabe des Raritäten-Festivals war einfach großartig.
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