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Kieler Nachrichten vom 29. August 2006
von Michael Struck
Schlussrunde im Husumer Raritäten-Rausch
Die letzten Konzerte mit unbekannter Klaviermusik
Der 20. Geburtstag ist gefeiert, die Husumer Raritäten der Klaviermusik 2006 sind verklungen, die interessante Ausstellung über skandinavische Pianisten ist abgebaut. Im-mer häufiger gerät der Rittersaal des Schlosses mit seinen 160 Plätzen plus Hörplätzen im Nebenraum an Ka-pazitätsgrenzen. Doch das Ambiente gehört genau so zum Husumer Raritäten-Gesamtkunstwerk wie Musik, Künstler, Flügel – und Publikum. Wie sehr sich die Pianomaniacs aus aller Welt um „ihr” Festival sorgen, zeigt sich Freitagnachmittag. Da stellen spielfreudige Stamm-hörer aus den USA, Japan und Deutsch-land ein vom klaviersüchtigen Bonner Anwalt Stefan Romansky initiiertes und launig moderiertes Benefizkonzert zugunsten des 2006 stark geforderten Fördervereins auf die Beine.
Auch die drei letzten Klavierabende haben es in sich. Wirkt das Spiel von Cecile Licad am Donnerstag erst recht monochrom, so imponiert die renommierte Künstlerin mit der Sonate des französischen Einzelgängers Henri Dutilleux (Jahrgang 1916). Der schuf 1948 eine unverwechselbare Sonatenwelt – teils herb, teils farbkräftig (Glocken-Klän-ge!), mit packenden Steigerungen und überzeugend zwischen Choral, Jazz und Exotik-Flair vermittelndem Variationsfinale. Hier musiziert Licad ebenso wie in drei zugegebenen, mirakulös modellierten Chopin-Etüden elementar.
Enorme Virtuositäts- und Kraftreserven hat der junge Usbeke Eldar Nebolsin. Sofia Gubaidulinas Chaconne (1962) gelingt ihm mit ihrer grandiosen Mischung aus Moderne und schwarzer Postromantik atem-beraubend, während er den Affekt-Charme fünf pikanter postbarocker Sonaten des Spaniers Antonio Soler durch pianistisches Bodybuilding vergröbert. Chopins legendären Mozart-Varia-tionen op. 2 verleiht er dann Charakterschärfe und Eleganz, spielt vier der Transzendentalen Etüden op. 11 Sergej Ljapounows, der Liszts und Balakirews Klavierteufeleien miteinander multiplizierte, zu Recht auf Risiko und zeigt, wie modern Rachmaninows Pre-ludes op. 32 ihr motivisches Material behandeln. Dies dürfte der Abend mit den meisten Tönen pro Minute sein.
Am Sonnabend wird gezaubert. Klavierstar Cyprien Katsaris spielt und kommentiert eine aus eigenen und fremden Bearbeitungen bestehende Hommage an Familie Mozart (Vater Leopold, Genie Wolfgang, Sohn Franz Xaver). Höhepunkte des laut gefeierten Abschlussabends sind die „andere“ c-Moll-Fantasie KV 396 und die große
g-Moll-Symphonie KV 550 Wolfgangs die dessen Schüler Johann Nepomuk Hummel ebenso klangschön wie fingerfordernd für Klavier setzte. Katsaris’ pointenreiches Spiel umfasst größte Intimität und abgedrehteste Virtuosität, sorgt für lustvolle Aha-Erleb-nis-se, erlaubt sich aber auch kleine Hudeleien. In seinem Mu-sizieren leben vergange-ne Pianisten-Gene-ra-tionen vom Schlage eines Cherkass-ky oder Cziffra weiter. Mit heißen Ohren verlässt man den Saal.
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