Kieler Nachrichten vom 26. August 2006

von Michael Struck

Charakterbilder:
Raritäten der Klaviermusik

Husum
Ein Flügel – viele Klang-Charaktere: Immer wieder fasziniert bei den Husumer Raritäten der Klaviermusik, dass der vom Klaviertechniker Thomas Hübsch optimal betreute Berliner Steinway allabendlich „neu“ klingt: Sonntag scheint er wegen der phänomenalen Tasten-Regentschaft des Ausnahmepianisten Marc-André Hamelins wie von selbst zu sprechen: Das gilt für die 100 Jahre alte, doch noch immer schockierend moderne Concord Sonate von Charles Ives ebenso wie für die dankbar zu Ravel hinüberwinkende Sonatina concertante op. 28 Pantcho Vladigerovs und Heitor Villa-Lobos’ grandios inszenierte brasilianische Brutalismen (Rudepoèma).

Tags darauf lässt Frédéric Meinders den Flügel betörend singen, seufzen und hauchen. Statt großer Brocken bietet der Holländer meist hübsche Kleinformate. Größer im Aufriss sind nur seine teils fesselnd subtil und frei, teils seltsam unempfindlich gegen Schumanns Lied-Rhe-torik gestaltete Klavierbearbeitung der Dichterliebe und Anatol Ljadows feine Variationen op. 51 – bei denen Meinders’ Spieldramaturgie über Ljadows Lautstärkevorstellungen siegt.

Auch an den folgenden Abenden kann man pianistische Charakterstudien treiben: Die in Sofia geborene Nadejda Vlaeva, die im Rittersaal ihr Deutschland-Debüt gibt, hat eine Menge zu bieten. Zum Beispiel ein vielseitiges Programm – inklusive Uraufführung des 9. Nocturnes von Lowell Liebermann. Ebenso wie die vier Gargoyles (Wasserspeier) dieses postmodernen US-Erfolgskomponisten jongliert es effektvoll mit Stilen und scheint eben-so freundlich zu fragen: Eklektizismus – was ist das? Die erst um 1940 entstandene 2. Sonate von Sergej Bortkiewicz, die auf gutem Fuß mit Chopin, Brahms & Rachmaninow steht, und Clara Schumanns Präludium und Fuge op. 16/1 profitieren gleichfalls von der Sensibilität und Verve Vlaevas, die später bei heiklen Liszt-Piè-cen beneidenswerte Sprunggenauigkeit entwickelt. Mitunter wirkt ihr sympathisches Spiel indes etwas bleich oder aber atemlos.

Bei dem Briten Jonathan Plowright entwickelt sich am Mittwoch alles überzeugend „logisch“ – unaufgeregt, doch vital und viril. Und dann betört er unsere Ohren plötzlich auch mit magischem Pianissimo. Gern hört man von ihm Ernst von Dohnányis Suite im alten Stil und staunt, welch liebevoll virtuose Gedanken sich der Berliner Pianist Walter Rummel (1887–1953) über Bach’sche Kantatensätze machte. Ja, man ist sogar geneigt, der groß gedachten, fugen-ge-krön-ten, doch ziemlich wiederholungssüchtigen es-Moll-So-na-te Ignaz Paderews-kis (1903) die Überzeugungskraft zuzuschreiben, die zu wesentlichen Teilen auf Plowrights Spiel-Konto geht.