SHZ-Verlag vom 25. August 2006

von Detlef Bielefeld
(Nordfriesland Tageblatt, Husumer Nachrichten, Flensburger Tageblatt, Landeszeitung usw.)

Technische Raffinesse und glanzvolles Virtuosentum

Husum.Husums Edelfestival „Raritäten der Klaviermusik“ verfolgt unbeirrt seinen eingeschlagenen programmatischen Kurs: Originalität gepaart mit Qualität! Diesmal war hochvirtuose Klaviermusik des ausgehenden 19.Jahrhunderts Thema von drei ausverkauften Recitals, die trotz vieler stilistischer Parallelen unterschiedlicher nicht hätten ausfallen können.
Der feinsinnige Holländer Frédéric Meinders widmete sich der speziellen Gattung virtuos-gefälliger Salonmusik: Piècen von Rachmaninow, Godowsky, Chaminade, Levitzki und anderen, die bei höchsten Ansprüchen an Technik und Geschmack oft wie zarteste Soufflés anmuteten. Anatoli Ljadows groß angelegte „Variationen über ein polnisches Volkslied“ wurden in der eleganten Interpretation von Frédéric Meinders zum Musterbeispiel leicht parfümierten, aber kultivierten Virtuosentums.

Wesentlich energischer präsentierte sich am nächsten Abend die Husum-Debütantin Nadejda Vlaeva mit einem überraschend-irritierenden Entree: Die „Gargoyles op. 29“ des New Yorkers Lowell Liebermann weisen zwar auf die große europäische Klavierepoche zurück, kombinieren solche Zitate aber mit nicht-tonalen Sequenzen und diversen rhythmischen Divergenzen.
Elegisch-Gefühlvolles von Nicolai Medtner und Isidore Philipp gaben Gelegenheit zu schwingender Gestaltungstiefe und differenzierter Anschlagskultur – und die große Sonate Nr. 2 von Sergej Bortkiewicz gemahnte an die Klangwelt Rachmaninows. Virtuoses Donnergrollen zum Finale: Wagner-Bearbeitungen von Franz Liszt, seine Ungarische Rhapsodie Nr. 9 und sein ebenso grauslich fahler wie diabolisch grinsender „Czardas macabre“ – ein feiner Einstand für die brillante Bulgarin!

Der Brite Jonathan Plowright wirkte anderentags wie ein Fels in der aufgepeitschten Musik-Brandung. Ob Vertracktheiten in Ernst von Dohnányis „Suite im alten Stil“ schier unspielbar scheinende Bach-Hummel Piano-Adaptionen – Plowright trotzte in stoischer Gelassenheit pianistischen Untiefe und kompositorischen Heimtücke. Selbst grifftechnisch heikle Passagen in Ignaz Paderewski Es-Moll-Sonate wirkten bei diesem Ausnahmepianisten fast beiläufig-selbstverständlich; ausbalanciert seine wahrhaft erlesene Piano-Kultur, kraftvoll-kontrolliert sein glanzvolles Fortissimo. Grandios!