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Kieler Nachrichten 22. August 2006
von Michael Struck
Unermessliche Fanggründe der Klaviermusik
Husum – Zum 20.Geburtstag wurde natürlich nicht gekleckert, sondern geklotzt. Und so startete die national und international bestaunte Konzertreihe Raritäten der Klaviermusik Sonnabend im Husumer Schloss mit einer Gala – einem viereinhalbstündigen Tripel-Konzert von vier Pianist(inn)en.
Schade, dass weder Kabinetts- und Kulturchef Carstensen selbst noch sonst jemand aus der kulturverantwortlichen Staatskanzlei den Abend (und damit die eigene Musikförderung) mitfeierte. Dabei werden in Husum seit 1987 höchst erfolgreich die unermesslichen Fanggründe der Klaviermusik jenseits des überfischten Normalrepertoires befahren – mit faszinierenden Funden bei Werken und Pianisten.
Die Eröffnungs-Gala war, frei nach Jules Verne, eine "Reise um die Welt auf 88 Tasten". Der Brite Hamish Milne ist ein typischer Husum-Pianist. Er nimmt Raritäten ebenso ernst wie andere ihre Liszt-Sonate: Gleich die ersten Takte aus Alexander Goedickes Bach-Bearbeitung (Präludium und Fuge G-Dur BWV 541) enthielten ein Dutzend Klangschattierungen; für Webers Rondo brillante und Moszkowkis Caprice espagnol hatte Milne verschmitzte Virtuosität parat und für Nikolaj Medtners sechs Skazi (Märchen) rhetorische Überzeugungskraft – auch für die reizvoll hinausgezögerten Schlüsse.
Gabriela Montero, venezolanischer Shooting Star der Klavierszene, beschloss die Gala später ganz anders: Erst improvisierte sie über vom Publikum vorgeschlagene Themen: geschickt und bruchlos-geschmeidig, doch nach einem bald erkennbaren (paradoxen) Schema. Da wurde ein Bach-Gedanke mozartesk, ein Mozart-Thema bachisch und Schubert à la Tschaikowsky vorbereitet. Vom jeweiligen "Thema" selbst spielte meist nur der Anfang eine Rolle, wobei die Jazz-Episoden am witzigsten waren. Alberto Ginasteras schmissige Danzas argentinas op.2 und Joropo, vom Venezolaner Moises Moleiro (1904–1979) effektvoll komponiert, von Montero fetzig gespielt, waren vom improvisatorischen Präludium gar nicht so weit entfernt – nur moderner. Höhepunkt der Gala war für mich der Mittelblock: Klanglich und agogisch unglaublich flexibel, zu vier Händen eines Sinnes, setzten da Yaara Tal und Andreas Groethuysen Mozarts Allegro und Andante KV 357, Walter Giesekings französisch-freches Spiel um ein Kinderlied, Jean Françaix' raffiniert-ironische 15 Portraits d'enfants de Auguste Renoir und drei Tänze aus Samuel Barbers Souvenirs op. 28 in bezaubernde klangliche Realität um: Husum at its best! Das galt am Sonntag auch für Husums Raritäten-Heroen Marc-André Hamelin. Der erntete für sein atemverschlagendes Spiel von Charles Ives' monströser Concord-Sonate und die rüde-rückhaltlosen Tastengewitter von Heitor Villa-Lobos' Rudepoêma Applausstärken, die die Statik des Rittersaales fast schon gefährdeten.
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