Kieler Nachrichten vom 23. Juni 2006

von Michael Struck

Vom 19.-26. August: Raritäten der Klaviermusik im Husumer Schloss

Husum – Seit 1987 haben Festivalleiter und Pianist Peter Froundjian, die Stiftung Nordfriesland sowie Förderer und Sponsoren die musikalische Quadratur des Kreises geschafft: Das einwöchige Festival mit acht Klavierabenden samt Matinee hat das, was übliche Klavierabendprogramme peinlich meiden, zur Hauptsache gemacht und bei Musikfreunden Erfolg geerntet. Schleswig-Holstein ist zum Wallfahrtsort für Klavierfreunde und Pianisten geworden.

Der 20. Raritäten-Jahrgang vom 19. bis 26. August startet mit einem dreiteiligen Jubiläums-Eröffnungskonzert zu insgesamt 40 Klavierfingern. Bestritten wird es von Hamish Milne, dem Duo Tal & Groethuysen und der Venezolanerin Gabriela Montero. Gern erinnert sich der KN-Rezensent, der viele der über 150 Konzerte begleitet hat, an Höhepunkte. Da haben Husums Tastenmeister die exzentrisch-exorbitante Musik des Liszt- und Chopin-Freundes Charles-Valentin Alkan vorgestellt. Auch Englands Alkan-Pionier Ronald Smith war dabei. Und die sensationelle Darbietung von Alkans monströsem Concerto (ohne Orchester!) durch Husums Held Marc-André Hamelin im Jahre 1989 bleibt für mich Höhepunkt im Rittersaal des Schlosses. Dass Hamelin bei Husums hellhörigen Hörern schon Star war, ehe Deutschlands Metropolen Berlin und München ihn staunend sichteten und er als Experte für Grenzwertiges internationale CD-Karriere machte, ist husumtypisch.

Die eherne, zugleich charmante Virtuosität eines Roberto Capello, das intelligent-meisterliche Spiel Enrico Paces (Italiener gehören zu Husums Besten!), Stephen Osbornes quirlige Klugheit, Alexej Ljubimovs bohrende Versenkung (etwa in Charles Ives' legendäre Concord Sonata, die in diesem Jahr wieder in Husum zu hören ist – diesmal von Hamelin) zählen ebenfalls zu den Gipfeln im nordfriesischen Raritäten-Panorama.

Unvergesslich bleiben auch Marie-Cathérine Girods pianistisch ertragreiche Expeditionen in Gefilde französischer Klaviermusik oder das unnachahmliche Vierhandspiel des international gefeierten Klavierhand-Duos Tal-Groethuysen.

Mit den Jahren hat sich übrigens eine Art Raritäten-Repertoire herausgebildet. Denn gewichtige Raritätenschätze waren inzwischen mehrfach von unterschiedlichen Künstlern zu hören. Erfreulicherweise spielt Musik des 20. Jahrhunderts mittlerweile eine größere Rolle – von den pianistischen Zumutungen des indisch-englischen Eigenbrötlers Kaikhosru Sorabji über György Ligetis vertrackte Etüden bis zu gewichtigen Werken von "Exil"-Komponisten. Umwerfend rehabilitiert wurde schließlich ein Meister, der vielen nur als Etüdenfabrikant gilt: Carl Czerny, der in seinen Sonaten ein fabelhafter Brückenbauer zwischen Wiener Klassik und Romantik war und durch Anton Kuertis geistvoll-hintergründige Spielkunst ins rechte Licht gerückt wurde – typisch Husum! Auch beim 20.Mal darf man im Schloss Spannung, genussvolles Dazulernen und einen erstklassigen Berliner Steinway erwarten, der unter meisterlichen Händen jeden Tag aufregend anders klingt.

www.piano-festival-husum.de. Restkarten/Programme: Stiftung Nordfriesland, Tel. 04841/89730; Buchhandlung C.F. Delff, Husum, Tel. 04841/2163.

Gabriela-Montero.jpg
Husumer "Raritäten"- Klaviergast aus Caracas: Gabriela Montero. Foto emi