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Flügel-, Pianisten- und Musikglück
Raritäten der Klaviermusik im Schloss vor Husum
Kieler Nachrichten, 25.08.2005, Dr. Michael Struck
Nun herrscht in Husum wieder die Fülle: Bei den Raritäten der Klaviermusik hören deutschland- und weltweit angereiste Hörer neun Konzerte lang selten gespielte Werke und entdecken entzückt Werk- und Pianist(inn)en-Persönlichkeiten. Wer solche Fülle in zwei Rezensionen bannen will, muss sich auf Schlaglichter beschränken. Eins fällt auf den exquisiten, von Steinway Berlin gestellten, vom mitgereisten Klaviertechniker Thomas Hübsch exklusiv betreuten Flügel. Und vier extra helle natürlich auf die ersten vier Konzerte – allesamt Husum-Debüts. Die ersten drei boten – von trefflicher Ausgangsbasis aus – ein permanentes Crescendo: Im Sonderkonzert zelebrierten Schauspieler Anton Rattinger und Pianist Christian Seibert am Freitagabend Richard Strauß’ einst zu Recht populäres, heute selten zu hörendes Balladen-Melodram Enoch Arden mit allen gestalterischen Finessen. Das war eine erfreuliche, trotz der uns heute eher fernen Sprache Alfred Tennysons hochinteressante, ja anrührende Begegnung. Zuvor hatte Seibert die verwickelten Konzertetüden op. 55 Ernst Tochs und Regers nicht weniger anspruchsvolle Telemann-Variationen op. 134 mit Schwung, Mut und mitunter reichlich Pedal gemeistert. Einen bemerkenswert klar konturierten, diszipliniert pedalisierten Klavierklang entlockte der Schwede Roland Pöntinen dem Flügel tags darauf beim offiziellen Eröffnungskonzert. Höhepunkte (nach etwas nervösem Beginn mit Beethovens Sonate op. 2/2) waren Gabriel Faurés süßspröde Nocturnes Nr. 6, 7 und 11, der engagierte Einsatz für Olivier Messiaens späte Petites esquisses d’oiseaux (die mir freilich schematischer erscheinen als Messiaens frühere Vogelruf-Werke) und vor allem Nikolaj Medtners Sonata Reminiscenza. Deren Mischung aus Rück- und Ausblick, Melancholie und Energie traf Pöntinen überzeugend, hatte für Petitessen Rachmaninows, Prokofjews sowie Friedman-Strauß’ Schatzwalzer aber auch die nötigen pianistisch-zirzensicher Attraktionen im Ärmel. Da gab’s viel Beifall. Orkanähnlichen Jubel per Hand und Fuß erzielte Sonntagabend Cecile Licad. Ob geistreiche Stilmaskeraden und harmonisch wagmutige Ausflüge Emmanuel Chabriers, ob Alberto Ginasteras 2. Sonate (1981) die das Klavier zeitweise wie ein brutal düsteres Schlagzeug behandelt, oder einige Ohrwürmer des kultverdächtigen US-romantischen Klavierhit-Fabrikanten Louis Moreau Gottschalk, die sie mit trockenen Pointen und glitzernder Virtuosität meisterte – für alles hatte sie die passende Antwort. Den stärksten Eindruck machte mir aber doch Florent Schmitts 1917 komponiertes J’entends dans le lointain (Nr. 1 aus Ombres op. 64): Das poetisch-intensive, klar konturierte, farb- und atmosphärereiche Werk, ein großes Stück impressionistischer Klaviermusik, darf selbstbewusst neben Debussy und Ravel stehen und wurde von der famosen Pianistin technisch überlegen und mit unzähligen Farbvaleurs bis hin zum hauchzarten Fingerspitzen-Pianissimo nachgedichtet. Das durch krankheitsbedingte kurzfristige Absage gefährdete Montagskonzert rettete der hannoversche Klavierprofessor Markus Becker: zunächst mit einleuchtend deklamiertem Skrjabin (Préludes op. 13) und sehr wuchtigem, in einigen Feinheiten auch originellem Mussorgsky (Bilder einer Ausstellung). Nach der Pause bot er eine auflockernd moderierte und farbig, wenngleich unüberhörbar “deutsch” empfundene Kollektion von Jazz und Jazzverwandtem – Gershwin und Gulda inklusive. Der Dank der Hörer war ihm sicher.
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