|
Spannendes musikalisches P(i)anorama
Weitere Konzerte mit Raritäten der Klaviermusik in Husum
Kieler Nachrichten, 30.08.2005, Dr. Michael Struck
Auch die letzten fünf Abende mit Raritäten der Klaviermusik bieten im Rittersaal des Husumer Schlosses musikalische Entdeckungen und wechselnde pianistische Temperamente. Unerbittlicher Ernst prägt am Dienstag Konstantin Lifschitz’ Spiel – noch in den Zugaben (Webern, dreimal Bach, Chopin). Mit unbeirrbarer manueller Kompetenz und einem Hang zum Massivklang, der gelegentlich von sparsamster Pedalisierung abgelöst wird, geht er zu Werke. Groß und fern lässt er Nikolaj Medtners ausladende Variations-Improvisation op. 47 vorüberziehen, schiebt George Enescus vitale neoklassizistische 3. Sonate ins Vakuum-Labor. Und zeigt nach solchen Glasperlen- und Stahlkugelspielen in seiner Klaviertranskription von Ravels Daphnis-et-Chloé-Suite immerhin auch stärkeren Sinn fürs Melodische.
Weit vielfältiger ist das Spiel Ekaterina Derzhavinas, das die Hörer Mittwoch staunend feiern. Sie gibt jedem Werk eine eigene intensive Aura – ob Glenn Goulds intelligenter Sprödigkeit (Five short pieces), zwei frühen Sonaten von (vielleicht) Haydn, die sie treffend und sprechend nuanciert, oder Bachs Aria variata BWV 989 mit fein ausziselierten Verzierungen und Ansätzen zu “historisch” inegalem Spiel. In der 1. Sonate (1911/12) des früh verstorbenen Alexej Stanschinsky bringt sie die wechselnden Aggregatzustände packend zum Ausdruck. So gespielt, überzeugt das reizvoll zwischen Abstraktem und Unmittelbarem pendelnde früh-neoklassizistische Werk ebenso direkt wie einige Medtner-Stücke. Ein hinreißendes Husumer Debüt!
Auch Andrea Bacchettis Bach (2. Französische Suite) ist tags darauf reich verziert. Er wirkt bei aller Klarheit romantischer als bei Derzhavina. Mozarts fast simpel startende Variationen über “Lison dormait” KV 264 rückt der Pianist im Adagio-Teil (mit Recht) in die Nähe des späten Beethoven und demonstriert mit der Sonate “Quasi una fantasia” op. 20 (1824) des Böhmen Jan Hugo Vorišek, welch reiche Ernte damals neben Beethoven und Schubert auf den Feldern der Sonate einzubringen war. Bacchetti weiß genau, was er musikalisch tut. Manches mag erst unspektakulär anmuten. Doch wer zwischen den Zeilen hört, merkt, welch gutes Gespür er für Mendelssohns Fantasien op. 16 und für Schumann hat – vor allem für dessen frühes Allegro op. 8. Das zerbröselt den meisten Pianisten zwischen den Fingern. Bacchetti nimmt es ungewohnt gemessen. Und plötzlich erscheint es vielsagend, konsistent und gewichtig. Ein erhellender Abend!
Noch lauter wird am Freitag Ludmil Angelov gefeiert. Sein virtuoses, in Chopins Rondo à la Mazur op. 5 aber recht pauschales Spiel konzentriert sich auf wortreiche Spät(est)romantik des Spaniers Federico Mompou und der Bulgaren Pantscho (Vater) und Alexander (Sohn) Vladiguerov sowie Abstecher zu Tango & Jazz mit Gershwin und Piazzolla. Die kühnste Sprache spricht letztlich Strawinskys Feuervogel-Musik in Angelovs effektvoller Transkription. Je nach Hörertyp lauscht man all den Finger-Fixigkeiten begeistert – oder ermüdend.
Gemischt sind auch die Eindrücke im Schlusskonzert am Sonnabend. Michael Endres hat Sensibilität für Schuberts Grazer Fantasie, Geläufigkeit, Oktavenschwung, Theatralik und Kraft für Webers Variationen op. 9 und Liszts erstaunliche Fantasie über Themen aus Mozarts Figaro und Don Giovanni. Doch Pedalnebel decken manches davon zu – auch in Samuil Feinbergs 1. Sonate (1915), die als schöne, auffallend konzentrierte Alternative zu Skrjabin aufhorchen lässt. Weniger Probleme gibt’s bei der 1. Sonate (1910–22) des Briten Arnold Bax, die von spätromantischer Warte aus zur Moderne hinüberwinkt. Die pianistischen Teufeleien von Leopold Godowskys Symphonische Metamorphosen über Johann Strauß’ “Wein, Weib und Gesang” bilden dann den prickelnden, von Endres leichthändig servierten Schlusstrunk, bei dem man den feinen 19. Jahrgang des Husumer Raritäten-P(i)anoramas gern noch mal Revue passieren lässt.
|
|
|
|