Tastenlöwen und Wortakrobaten

guter Start der “Raritäten der Klaviermusik”

Husumer Nachrichten, 22.8.2005, Husum, Christoph Kalies

Es war in doppelter Hinsicht ein fesselnder Auftakt: Bei den ersten zwei Konzerten der diesjährigen “Raritäten der Klaviermusik” im Schloss vor Husum faszinierten nicht nur die Tastenlöwen, sondern auch ein Wortakrobat: Der Österreicher Anton Rattinger vermochte als Rezitator die 200 Zuhörer im Rittersaal bei Richard Strauss' Melodram “Enoch Arden” nach einem Gedicht des Briten Alfred Lord Tennyson an sich zu binden, wie es hier eben sonst nur Pianisten gelingt.
Die traurige Novelle um den Seemann Enoch, der seine Frau Annily mit drei Kindern zurücklässt, um auf einer China-Reise reich zu werden, las Rattinger mit solcher Intensität und perfekter Diktion, dass man nicht umhin konnte, sich von diesem Schicksal rühren zu lassen. Enoch erleidet Schiffbruch, bleibt über ein Jahrzehnt verschollen. Als er heimkehrt, hat Annily beider Jugendfreund Philipp geheiratet, der zum liebenden Stiefvater der Kinder wurde. Enoch will das Glück nicht stören, entfernt sich und stirbt unerkannt. Schnulze? Überholt? Mag sein. Aber der Kinofilm “Castaway” mit Superstar Tom Hanks funktionierte vor wenigen Jahren ganz ähnlich. Und Strauss' Klaviermusik ist leitmotivisch raffiniert strukturiert - und wurde vom jungen Pianisten Christian Seibert uneigennützig dem Vortrag Rattingers untergeordnet.
Seibert hatte sein Können zuvor gezeigt: Die zehn Konzertetüden op. 55 des Deutschen Ernst Toch (1887-1964), der als Jude 1933 vor den Nazis fliehen musste und heute in Deutschland unbekannt ist, präsentierte er mit Noblesse, einer gewissen Sachlichkeit und mit Sinn für sanften Humor in den Stücken. Der Stil zwischen Hindemith und spätem Impressionismus ist sehr reizvoll. Hör- und sichtbare Spielfreude zeigte Seibert bei Max Regers Variationen und Fuge über ein Thema von Georg Philipp Telemann (op. 134), die sich immer mehr vom schlicht-fröhlichen Barock entfernen hin zu den kapriziösen Melodien und harmonischen Kniffen des Spätromantikers.
Tags darauf sorgte der Schwede Roland Pöntinen für ein wahres klavieristisches Feuerwerk: Nach Beethovens früher Sonate A-Dur op. 2 Nr 2 mit ihren stürmischen Themen und dem ungewohnt trockenen Schluss beschritt er mit drei Nocturnes und einem Impromptu des Franzosen Gabriel Fauré eine ganz andere, glitzernd-schmeichelnde Klangwelt , um mit Olivier Messiaens “Petites Esquisses d'oiseaux” die Zuhörer in die exotisch-faszinierende Klangwelt einer riesenhaften Vogel-Volière zu entführen, die er mit exzessiven dynamischen Kontrasten und dem geschickten Einsatz des Legator-Pedals raffiniert ausleuchtete.
War da noch eine Steigerung möglich? Durchaus. Denn Pöntinen servierte mit der “Sonata Reminiscenza” von Nikolaj Medtner, Sergej Rachmaninows Sérénade op.3/ Nr. 5 und dem Stück “Lilac” sowie Srgejr Prokofjews “Orientalischer Tanz” (op 97/6) und dem Grand Valse grandiose Beispiele brillanter russischer Klaviermusik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die er mit großer Musikalität und unter geschickter Abstufung der einzelnen Stimmen vortrug. Ein Höhepunkt war die Klaviertranskription des Scherzos aus Prokofjews Symphonie Nr. 5 mit seinem Varieté-artigen Thema, das mit Prokofjew-typischem Sarkasmus zu einer wilden Apotheose geführt wurde.
War's das jetzt? Nix da! Pöntinen hatte auch noch die raffinierte Bearbeitung des Polen Ignaz Friedmann von Johann Strauß' “Schatz-Walzer” aus dem Zigeunerbaron parat, bevor er zum Zugabenteil überging. Ein großartiger Klavierabend, der mit langem Beifall endete. Und bis Sonnabend bietet Husum noch täglich die Gelegenheit, weitere Abende mit großartigen Pianisten und unbekannten Werken zu erleben.
Infos zu Karten unter Tel. 04841/ 2163.