HUSUM Raritäten der Klaviermusik 2005

Kacper Miklaszewski (in RUCH MUZYCZNY Nr.20 S.18-22)

In diesem Jahr dauerte das 19. Festival „Raritäten der Klaviermusik“ einen Tag länger als gewohnt. Es begann am Freitag und umfasste neun Klavierabende. Die schon zur Tradition gehörende Begrüßung fand am Samstag und die Matinee mit dem Vortrag wie üblich am Sonntagvormittag statt. Vor einem Jahr habe ich in meiner Präsentation über die Geschichte dieses ungewöhnlichen Festivals berichtet (Nr.20/2004), dass in Husum in den fast 20 Jahren mehr polnische Musik gespielt wurde als bei manchem Festival in Polen. Vielleicht habe ich da den Mund etwas zu voll genommen, weil dieses Jahr als einziges Werk eines polnischen Komponisten die Bearbeitung des Schatz-Walzers von Johann Strauß durch Ignaz Friedman zur Aufführung kam. Es sollte zwar noch die Sonate Nr.6 op.73 von Weinberg aus dem Jahre 1960 zu hören sein. Davon hatte ich mir viel versprochen. Aber Oxana Yablonskaja musste wegen Erkrankung ihr Rezital absagen. Markus Becker, der freundlicherweise für die Pianistin einsprang, konnte in so kurzer Zeit leider keine derartige Rarität bieten.

Trotzdem war unser Beitrag zum Festival unübersehbar. Die Fotoausstellung, die jedes Jahr die Konzerte begleitet, war dieses Mal den polnischen Pianisten der goldenen Ära der Klaviermusik gewidmet. Die Kopien der historischen Fotografien lieferten die Nationalbibliothek in Warschau und die Redaktion von Ruch Muzyczny, die Informationstafeln wurden in Husum angefertigt. Die Ausstellung umfasste Pianistenportraits von Ignaz Paderewski und Jozef Sliwinski bis Henryk Sztompka und Andrzej Czajkowski. Die fehlenden Fotos von Ignaz Friedman wurden von der Jagiellonen-Bibiothek in Krakau, die von Sztompka, von Regina Smendzianka und dem Sohn von Sztompka, Piotr Sztompka und die von Czajkowski von Anita Halina Janowska freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Unsere Redaktion koordinierte dieses Projekt; Peter Froundjian, der künstlerische Leiter des Festivals, verfasste die kurzen biographischen Notizen. Dass am Ende die hervorragende Zusammenarbeit und der Erfolg lobend Erwähnung fanden, wurde von den Beteiligten dankbar vermerkt.

Medtner und Stantschinsky:

Es kamen insgesamt 64 Werke von 42 Komponisten zu Gehör. Man könnte fast behaupten, dass Nikolai Medtner der Schwerpunkt des Festivals war. Denn obwohl viermal Stücke von Chabrier, Fauré und Gottschalk gespielt wurden, waren die vier Werke des russischen Komponisten von großem Format und in den Programmen von nur drei Pianisten vertreten. Die Sonata reminiscenza op.38,1 spielte am 20.August Roland Pöntinen, der die Nostalgie und die Dekadenz des Werkes wunderbar vermitteln konnte. Am 23.8. interpretierte Konstantin Lifschitz die Variationen fis-Moll op.47 mit dem Titel Improvisation Nr.2 mit viel Sinn für die Struktur und die Kontraste in den Stimmungen. Einen Tag später hörten wir von Jekaterina Dershavina die 4 Stimmungsbilder op.1 (Nr.5-8), poetische Miniaturen, die Medtner im Alter von 16-17 Jahren schrieb und die in erstaunlicher Frische mit Hispanismen, die damals in Russland sehr populär waren, experimentieren und mit ihnen voller Charme spielen. Darauf spielte sie vom reifen Medtner den Zyklus Trois Pièces op.31 aus dem Jahr 1915, der unter dem Eindruck des frühen Todes von Alexej Stantschinsky entstand. Das Werk besteht aus meisterhaft geschriebenen Variationen (Improvisation), einer wegen ihrer originellen Harmonien und der Verwendung der tiefen Register dramatischen Marche funèbre und einem Märchen (Conte). Zuvor interpretierte sie die Sonate Nr.1 F-Dur (1911-12) von [I]Stantschinsky (1888-1914). Das Werk ist sehr interessant durch seinen unverwechselbaren Stil. Der zweite Teil „Adagio“ besticht mit seinen sanften und für das Fin de siècle typischen Emotionen durch Verwendung origineller Harmonien. Dabei bleibt der Komponist im Rahmen des tonalen Systems, allerdings immer modifiziert, fast disharmonisch wie bei den späteren Kompositionen von Nowowiejski, und dennoch wunderschön. Hat das delikate Finale Presto Anklänge an die balkanische, mittelasiatische oder spanische Folklore?

Weitere Attraktionen:

Echte Raritäten bot das Rezital von Christian Seibert am ersten Tag des Festivals. Er begann mit den 10 Konzertetüden op.55 von Ernst Toch, pianistische Charakterstücke im Stil des deutschen Formalismus der 30er Jahre, die den Einfluss von Chopins b-Moll-Sonate (Nr.5) und manchen seiner Etüden (Nr.4), aber auch der Melodik Debussys (Nr.10) nicht leugnen können. Danach spielte der Künstler die pianistisch sehr anspruchsvollen Telemann-Variationen op.134 von Max Reger, einem Meister der Variationskunst und des Klaviersatzes. Die opulente neoromantische Fuge mit ihren choralartigen Anklängen an die Barockmusik gehört zu den waghalsigsten und dichtesten Klavierwerken, die ich kenne. Ihre dunkle Färbung verdankt sie der für Pianisten nicht immer bequemen Tonart B-Dur. Alle jungen Virtuosen, die mit Vorliebe Mendelssohns Hochzeitsmarsch in der Horowitz´schen Version spielen, um zu brillieren, sollten sich an diesem Werk messen. Hier braucht man nicht nur eine Menge Kondition, sondern auch viel intellektuelle Durchdringung.
Im zweiten Teil des Programms kam das Melodram für Klavier und Rezitation Enoch Arden op.38 von Richard Strauss zu Gehör. Das Werk, das alle Kennzeichen der genialen Erfindungsgabe von Richard Strauss aufweist, nimmt bereits 1897 die Form des Hörspiels vorweg. Es handelt von einem Seemann, der erst für eine Woche, dann für einen Monat und darauf für ein Jahr ausfährt und dabei seine Frau und seinen Freund verlässt. Bemerkenswert ist, dass der Text ein weit größeres Gewicht hat als die musikalische Illustration. Anton Rattinger, ein Schauspieler mit hervorragender Diktion und exzellentem dramatischem Talent, war dabei ein ebenbürtiger Partner Seiberts.

Werke, die selten in Programmen auftauchen, spielte Roland Pöntinen, nämlich die Serenade op.3,5 von Rachmaninow, den Orientalischen Tanz op.97,6 und die Grande Valse op.102,1 aus dem Ballett Cinderella von Prokofiew, die Sonata reminscenza op.38,1 von Medtner, die Petites esquisses d´oiseau von Messiaen und drei Nocturnes wie auch ein Impromptu op.102 von Fauré.

Der Klavierabend von Cecile Licad am 21.8. enthielt ausschließlich Raritäten. Nach vier Kompositionen von Emmanuel Chabrier (Impromptu, Improvisation, Ronde champêtre und Bourrée fantasque), die sie mit subtilem Charme vortrug, spielte sie die Sonate Nr.2 op.53 von Alberto Ginastera. Dieses Werk steht in einer direkten Linie mit der barbarischen Richtung der Musik des 20. Jahrhunderts, die von Bartók und Prokofiew ausgeht. Nach der Pause interpretierte sie Ombres op.64,1 von Florent Schmitt, eine Komposition aus dem Jahr 1917, die in Aufbau und Stil Ravel verpflichtet ist. Zum Abschluss spielte sie fünf Werke von Louis Moreau Gottschalk, einem Komponisten, der vor kurzem nur in seiner Heimat USA bekannt war, in jüngster Zeit aber von einigen Pianisten wiederentdeckt wurde. Vielleicht hat ihm dabei die vielfach kolportierte Anekdote geholfen, dass er als Jugendlicher in Paris Chopin traf und dieser ihm bei der Gelegenheit eine höchst erfolgreiche Zukunft prophezeite. Viele Pianisten, die seine Werke spielen, betrachten sie als virtuose Raritäten, die durch glitzernde Glöckchenklänge und exotische Rhythmen frappieren. Licad machte daraus Miniaturen und Erzählungen voll lyrischer Versonnenheit. Wollte sie vielleicht beweisen, dass die Frauen grundlos ganz verrückt nach ihm waren und er ohne Grund mit deren Männern duellierte und prozessierte?

Markus Becker, der am 22.8. innerhalb von 24 Stunden für die erkrankte Oksana Yablonskaja einsprang, konnte in dem ad hoc zusammengestellten Programm kaum echte Raritäten unterbringen. Im zweiten Teil, den er dem Jazz und seinen seriösen Bearbeitungen widmete, spielte er das charmante Präludium und Fuge von Friedrich Gulda, einem Wiener Pianisten, der es sein ganzes Leben mit Erfolg verstand, Klassik und swingenden Jazz zu verbinden. Die Fuge überraschte durch ihre komplexe kontrapunktische Struktur ebenso wie durch ihren „Swing“. Man würde sich diese Perle auch in Polen einmal als Zugabe wünschen.

Konstantin Lifschitz trug nach der Improvisation Nr.2 fis-Moll op.47 im zweiten Teil des Rezitals die Sonate Nr.3 D-Dur op.24 von George Enescu vor, ein Werk aus dem Jahre 1935, das sehr überzeugend modernistische Elemente mit dem Geist der rumänischen Folklore verbindet. Außerdem spielte er eine sehr komplexe, schwierige und vielschichtige eigene Bearbeitung von vier Sätzen aus Ravels Daphnis et Chloé. Begonnen hatte er mit der Busoni-Transkription von Bachs Orgelpräludium und Fuge Es-Dur BWV 552 , einem zwar bekannten, aber von den Pianisten vernachlässigten Werk.

Ekaterina Dershavina trug nicht nur mit der Sonate Nr.1 F-Dur von Alexej Stantschinsky, sondern auch mit den Five Short Pieces von Glen Gould, mit denen sie ihren Klavierabend eröffnete, der Intention des Festivals Rechnung. Dieser Zyklus verblüfft und begeistert durch die Meisterschaft Goulds, mit der er die Zwölftontechnik und einen neobarocken Kontrapunkt verwendet. Indem er die extravaganten Klänge, die wir in den polyphonen Werken anderer Komponisten des 20. Jahrhunderts (z.B. Hindemith, Nowowiejski) finden können, vermied schuf er tiefmoderne und gleichzeitig wunderbare Musik. Warum spielt das sonst niemand?

Im Programm von Andrea Bacchetti am 25.8. fehlte es nicht an musikalischen Leckerbissen aus vergangenen Epochen. Die Sonate op.20 von Jan Vaclav Vorisek, der im Todesjahr Mozarts geboren wurde, besteht aus einem schön proportionierten Sonaten-Allegro (die Durchführung erinnert an die dramatischen Passagen von Mozarts Symphonie g-Moll KV 550!), einem beinahe orchestralen Scherzo und einem verspielten Rondo Presto. Sie begeisterte durch delikate romantische Klänge, die man zwischen Schubert und Hummel einordnen kann. Die Partita 1926 von Goffredo Petrassi könnte, wenn nicht die charmanten Verfremdungen und das Spiel mit dem Tempo in der Gavotte wären, als postrevolutionäres Manifest durchgehen. Sie vereint in sich Neobarock mit Neoromantik und eindeutiger Tonalität, dass sie zuweilen an Banalität grenzt. Auch die Fantasien op.16 des 19jährigen Mendelssohn, das Allegro h-Moll op.8 von Schumann und Neun Variationen über „Lison dormait“ KV 264 von Mozart gehören zu den Werken, die man gerne hört.

Am Anfang des Rezitals von Ludmil Angelov schien die Hydra des konventionellen Repertoires ihr Haupt erhoben zu haben. Wir hörten zwei sehr bekannte Mazurken von Chopin, a-Moll op.17,4 und C-Dur op.24,2. Aber zusammen mit dem Rondo à la mazur op.5 waren sie nur ein Vorspiel zu den bezaubernden Variaciones sobre un tema de Chopin von Federico Mompou, in denen die Mazurkatradition schon vom Thema her, dem Prélude A-Dur op.28, weiterlebt. Der Künstler spielte außerdem die Trois piéces op.16 aus dem Jahr 1922 von Pantscho Vladigerov, die, voll von neoromantischen effektvollen Elementen, stark an Rachmaninow erinnern, vom Charakter her aber auch eine Nähe zu Langgaard aufweisen. Auch exotische Skalen und die Ganzton-Tonleiter fehlen nicht. Danach brachte Angelov die Variationen op.2 „Dilmano, Dilbero“ (1955) von Alexander Vladigerov, dem Sohn von Pantscho Vladigerov, zu Gehör, die von balkanischen Rhythmen und urtümlichem, südlichem Feuer bestimmt sind. Zum Schluss präsentierte er seine eigene Transkription des Feuervogels von Strawinsky, die mit außergewöhnlicher Opulenz der Instrumentierung des Werkes gerecht wurde und mit der er zugleich eine Tradition des Husumer Festivals fortsetzte. Obwohl der Pianist sehr gekonnt aus den pianistischen Errungenschaften der russischen Klaviermusik in der Tradition von Balakirews Islamey schöpfte, war in dieser Bearbeitung nicht zu überhören, dass das erste Ballet von Strawinsky ein sehr modernes Werk und fast frei von den Einflüssen des großen Lehrmeisters Rimsky-Korsakow ist.

Zum Abschluss des diesjährigen Festivals spielte Michael Endres die bekannten im Rahmen der Geschichte des Festivals schon mehrfach gespielten Symphonischen Metamorphosen über den Walzer von J.Strauß „Wein, Weib und Gesang von Godowsky. Im ersten Teil des Rezitals erklang ein echter Evergreen, nämlich die Fantasie zu Figaros Hochzeit und Don Giovanni von Mozart/Liszt. Der Rest des Abends wurde durch die folgenden Raritäten ausgefüllt: die jugendliche Grazer Fantasie D 605a von Schubert, 7 Variationen über ein eigenes Thema op.9 von Weber, geistreich, virtuos (1,3,4,5), rührend lyrisch (2,7), und alle wunderschön. Dazwischen erklangen die Sonate Nr.1 op.1 von Samuil Feinberg (1915), ein außergewöhnlich frappierendes und skurriles Werk, und die ausdrucksvolle Sonate fis-Moll (1910-22) von Arnold Bax, die durch stark kontrastierende Themen an die h-Moll-Sonate von Liszt anknüpft.

Wunderbare Pianisten und bekanntere Werke:

Auch wenn die Woche des Festivals in der Geburtsstadt des Dichters Theodor Storm (1817-1888), der seine Inspiration aus der schleswig´schen Landschaft schöpfte, Zeit und Gelegenheit bot, durch die Bibliotheken und Antiquariate zu streifen und in den Buchregalen die Literatur aus aller Welt durchzublättern, so stand doch das Festival immer beherrschend im Vordergrund. Die größte Anerkennung für seine organisatorische Leistung gebührt dabei dem Leiter der "Raritäten" Peter Froundjian, der mit gewohnt souveräner Sachkenntnis bei der Verpflichtung der Künstler und der Festlegung des Programms den erfolgreichen Ablauf des Festivals garantiert. Alle neun Abende waren ein Erlebnis; den Auftritt von zwei Pianistinnen kann man als phänomenal bezeichnen.
Cecile Licad erfüllte die Musik Gottschalks mit Poesie und interpretierte differenziert und brillant den Stil von Chabrier und Ginastera. Ihre außergewöhnliche Musikalität und ihre Fähigkeit, den musikalischen Verlauf geistig zu antizipieren, hatten zur Folge, dass das Publikum die Entwicklung des musikalischen Verlaufs verblüfft beobachtete und auch kleinste harmonische Veränderungen und Farben überrascht zur Kenntnis nahm. Unter ihren Fingern, die sich immer mühelos ihren künstlerischen Vorstellungen und ihren Emotionen fügten, wurde jedes Werk zum Meisterstück.
Jekaterina Dershavina verfügt über die gleiche meisterhafte Technik, folgt aber anderen poetischen Vorstellungen. Sie ist eine ebenso bezaubernd zarte wie bescheidene Person. Man hat bei ihr das Gefühl, dass sich ihr Temperament ganz den Intentionen des Komponisten unterordnet. Sie begeisterte nicht nur durch ihre stilsichere Wiedergabe der russischen Musik, sondern auch durch ihre Interpretation der Aria variata alla maniera italiana BWV 989 von J.S.Bach - ganz in der romantischen Tradition von Nikolajewa und Kempff -, bei der am Ende von Goulds subtil gespielten Werken das Publikum die Stimmung nicht durch Applaus zerstören wollte. Die frühen Sonaten von Haydn (Hob. XVI:5 und XVI:16) verbreiteten in ihren Themen sprühenden Charme und im Menuett der A-Dur-Sonate einen Hauch von Erotik, alles von der Pianistin kongenial interpretiert.
Der Schwede Roland Pöntinen spielte zu Beginn seines Rezitals die Sonate A-Dur op.2,2 von Beethoven, und weil ihm das Lyrische mehr liegt als das Dramatische, hob er in seiner Interpretation die Anklänge an die Romantik in diesem Werk heraus. Im poetischen Irrgarten der Werke von Fauré (drei Nocturnes und ein Impromptu) fand er sich mühelos zurecht und traf meisterhaft die Stimmung und die Vogelstimmen der Petites esquisses d´oiseaux von Messiaen. In Rachmaninows Serenade op.3,5 brachte er wunderbar das damals modische spanische Flair zum Klingen.
Konstantin Lifschitz, einer junger Star der russischen Klavierschule, versuchte jedem Motiv und jeder Harmonie Bedeutung zu verleihen. Dabei erinnerte er manchmal an Ivo Pogorelich aus der Zeit des Chopin-Wettbewerbs, wo dieser ebenfalls auf der Suche nach Nuancen musikalische Sinnerfüllung suchte. Obwohl er zuweilen in einen allzu schwärmerischen Tonfall geriet, waren seine Interpretationen immer spannend und durchdacht. Ich weiß nicht, wie fachkundig die Schlossente war, als sie die künstlerischen Darbietungen kommentierte, indem sie in den Momenten der Stille und beim Erklingen der letzten Phrasen ihr „qua-qua-qua“ ertönen ließ. Als jedenfalls in der 11.Variation von Medtners 2.Improvisation op.47, vom Komponisten „Erdgeister“ genannt, Lifschitz nach dem letzten Akkord im tiefsten Register des Klaviers die Hand in einer pathetischen Schlussgeste erhob, hörte ich nur ein „qua“.
Der Italiener Andrea Bacchetti, von graziler Gestalt, erwies sich als außergewöhnliche Persönlichkeit. Seinen Klavierabend begann er mit der Französischen Suite Nr.2 c-Moll von J.S.Bach, die er mit gelassener Meisterschaft und Subtilität und mit perfekter Beherrschung der barocken Ornamentik spielte, was auch für die Auswahl aus den Goldberg-Variationen zutraf, die er als Zugabe wählte.
Der Bulgare Ludmil Angelov, Preisträger beim Chopin-Wettbewerb und im Grand Prix du Disque Frédéric Chopin (auch Cecile Licad hat diesen Preis gewonnen!) überraschte durch die Klarheit, mit der er den dichten Klaviersatz von Vladigerov meisterte. Bemerkenswert war die fantastische Leichtigkeit seines Anschlags und sein poetisches Gespür in The Man I Love von Gershwin in der Version von Art Tatum und in der schon oben erwähnten eigenen Transkription des Feuervogels von Strawinsky.

In diesem Jahr fehlten in Husum sowohl polnische Musik als auch englische Pianisten – eigentlich ein Bruch mit einer langjährigen Tradition. Dafür spielten drei deutsche Virtuosen.
Der 30jährige Christian Seibert, ein Erfolg versprechender Interpret, spielte die 10 Konzertetüden op.55 von Ernst Toch mit eindruckvoller Präzision und viel Sinn für Klangfarben. Bei den Telemann-Variationen op.134 von Max Reger glänzte der Künstler durch sein reifes, klug disponiertes Spiel und die Genauigkeit und Balance, mit der er die dichte Akkordik meisterte. Kein schrilles Fortissimo störte, und das Tempo ließ keinen Kontrapunkt verschwimmen.
Markus Becker, Professor an der Hochschule für Musik in Hannover, konnten wir als wunderbaren Pianisten und Moderator erleben. Seine Interpretation der Bilder einer Ausstellung von Mussorgski hatte viele originelle Momente (der Bydlo in gelassenem Tempo rubato war besonders gelungen!). Im zweiten Teil seines Klavierabends, der dem Jazz gewidmet war, wies Becker in knappen Kommentaren das eher der klassischen Musik verpflichtete Publikum auf die manchmal verborgenen Schönheiten der Jazzmusik hin.
Michael Endres, ein reifer Virtuose und wundervoller Dramatiker, fühlte sich nicht nur bei den technisch riskanten Variationen Webers und dem komplizierten Aufbau der 1.Sonate von Bax wie zu Hause, sondern auch bei den Metamorphosen von J.Strauß/Godowsky, bei denen er spürbar den Zusammenhang mit Ravels La Valse aufzeigte.
In der Sonntags-Matinee beschäftigte sich Michael Struck mit der Bedeutung des Metronoms in den Werken Schumanns und dem Zweifel, wie ernst diese Angaben zu nehmen sind. In den Kinderszenen sind die angegebenen Metronomzahlen entgegen einer Tradition, die diese Miniaturen als philosophische Reflexionen betrachtet, so schnell, dass man vermutet, Schumann habe als Künstlernatur das Gerät nicht richtig bedienen können. Anhand von Werken von Brahms zeigte Struck, wie subjektiv Künstler unserer Zeit das Tempo eines Werkes wählen. Dann spielte er selbst den ganzen Zyklus der Kinderszenen in dem vom Komponisten vorgeschriebenen Tempo und bewies dabei, dass sie charmante, wunderschöne Kinderstücke sind und keine tiefsinnige, verträumte Poesie. Diese gleichsam entstaubte Interpretation eines Schumann´schen Schlagers war wirklich ein reines Vergnügen!
Welche musikalischen Juwelen wird Peter Froundjian im Jubiläumsjahr 2006 dem Schatten der Vergangenheit und Vergessenheit entreißen?

(Deutsch: Ewa Tahbazian/Ludwig Madlener)