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Zum 18. Mal im Husumer Schloss
Raritäten der Klaviermusik
Kieler Nachrichten, Kultur aktuell, vom 24. August 2004
Einen Tag, nachdem man erlebt hat, wie Justus Frantz bei der Last Night in Neumünster das angekündigte Mozart-Klavierkonzert durch Dvoráks noch populärere Symphonie aus der Neuen Welt ersetzte, fährt man Richtung Nordwesten ins Husumer Schloss zu den Raritäten der Klaviermusik.
Hier ist alles anders: Acht Konzerte lang erwarten die von nah und fern angereisten Besucher immer neue Funde aus den wenig beleuchteten Bezirken der Musikmetropole Klaviermusik. Seit Jahren sorgt Deutschland-Radio Berlin dabei für die nationale Präsenz der Raritäten-Konzerte (nachdem der NDR sich auch zu Zeiten, als sein Musikprogramm noch nicht auf Klassik-Fastfood umgestellt war, kaum ernsthaft engagierte). Diesmal wird der Eröffnungsabend direkt übertragen und das zweite Konzert mitgeschnitten: "Das Beste am Norden" – bei den Raritäten kommt es über Berlin.
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Anatol Ugorski, seit seiner Emigration aus Russland international gefeiert, eröffnet die Raritäten-Woche mit seinem Husum-Debüt. Dass er ein Klasse-Pianist ist, der ohne Scheu Raritätenbezirke erkundet, ist unüberhörbar. Ebenso unüberhörbar ist, dass er sich in jenen Bezirken unterschiedlich zu Hause fühlt: Mozarts letzter Variationszyklus KV 613 und vier reizvolle Jugendpolonaisen Chopins sind auf hohem Niveau auf (Live-)Sicherheit gespielt, während Poulencs Theme varié sich unter Ugorskis Händen in schelmenhafter Vielfalt bravourös entfaltet, sich abwechselnd Barock-, Brahms- oder Modernitäts-Masken vors Gesicht hält und sich – das heißt Poulenc – doch treu bleibt.
Bei Skrjabins 6.Sonate hält Ugorski dies hohe Niveau mit Sinn für den rätselhaften Augenblick wie dem Blick fürs Ganze. Aber Schumanns Gesänge der Frühe? Für deren Spätwerk-Aura hat Ugorski ein fast hypnotisierendes Gespür. Doch die Aura verbindet sich mit sorglos Exzentrischem und einigem pianistischem Pfusch: Schumann wird in leicht angefaulte Mystik getaucht und dadurch wieder mal "krankgespielt". Bezaubernd dagegen die linkshändige Zugabe (Skrjabins Nocturne op.9/2) – das einzige auswendig gebotene Stück.
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Pianistische Paukenschläge bringt der Sonntagabend mit Marc-André Hamelin, der seit 1988 zum neunten Male im Rittersaal dabei und seitdem zum internationalen Raritätenstar aufgestiegen ist. (Was für ein Experte er ist, zeigt sich auch daran, dass er in Jeremy Nicholas' Husumer Sonntagsmatinee Gewinner des vertrackten Piano Quiz wird!) Hamelin hat in dem aus Berlin angelieferten, vom Klaviertechniker Thomas Hübsch fabelhaft präpapierten Steinway ein ideales Medium für Isaac Albéniz' zwölfteilige Sammlung Iberia.
Was soll man über sein Spiel noch sagen? Es hat elastische Kraft und Flexibilität, hat Überschwang, ohne die Kontrolle zu verlieren. Und es hat ein noch weiter verfeinertes, saugend magisches Pianissimo. Gut, wenn man alle zwölf Iberia-Impressionen hört, sind die rhythmischen und harmonischen Muster, die sich unter Albeniz' vielfältigen Einkleidungen immer wieder abzeichnen, unüberhörbar. Doch Hamelin gibt jedem Stück eigenes Klangleben und trotzt den enormen Sprung- und Passagenfinessen mit beneidenswerten Händen, kühlem Kopf und heißem Herzen. Da wird Albeniz' spanische Tastenglut zur Klavier-Weltsprache zwischen Spätromantik und Vorimpressionismus. Es gibt donnernden Applaus. Und gern wird der Pianist seinem Vorsatz untreu, nach solchem Programm nichts zuzugeben. Husum at its best– einmal mehr!
Michael Struck
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