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Vom Pianissimo bis zum Tastendonnern
Detlef Bielefeld auf der shz-Kulturseite
shz-Kulturseite (Flensburger Tageblatt, Husumer Nachrichten und alle weiteren Unterausgaben) vom 25. August 2004
Drei sehr unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten, drei individuelle Programmideen, ein höchst erfolgreiches Konzept: Schon die ersten Konzerte der zum 18. Mal stattfindenden "Raritäten der Klaviermusik" im Schloss vor Husum entwickelten die spezielle Faszination, die Klavierfreunde aus aller Welt alljährlich in Scharen in die Storm-Stadt lockt.
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Da gab es zum Auftakt die Begegnung mit dem Russen Anatol Ugorski, der sein facettenreiches Rezital in wahrhaft altmeisterlicher Attitüde als "tour d‘horizont" durch drei Jahrhunderte Klaviermusik gestaltete. Spätwerke von W. A. Mozart und R. Schumann, Polonaisen aus der Jugendzeit F. Chopins: Bei aller technischen Brillanz überzog der Künstler sein Spiel mit einem Schleier reichlichen Pedalgebrauchs, quasi als klangliche Referenz an die verflossene Ära der genialen Tastenlöwen. Wuchtig die C-Dur Sonate von S. Prokofjew, sperrig introvertiert die Alterswerke von A. Skrjabin, wobei Ugorski sich hierbei durchaus auf delikate Klanggestaltung verstand. Kurios, brillant und eruptiv-ausladend das "Thème varié As-Dur" von F. Poulenc aus dem Jahre 1951: hier war Antol Ugorski endlich "zu Hause", Poulencs Witz funkelte in rasanten Klangkaskaden, der anfängliche Mozart-Nebel war vergessen und die erfolgreiche Suche nach den Husumer Klavierraritäten hatte endgültig begonnen.
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Anderentags ein komplett anderes Bild: ein einziger Komponistenname, der des Spaniers Issac Albéniz mit "Navarra" und seinem Zyklus "Iberia" - und dazu einer der zur Zeit weltweit anerkanntesten Pianisten der mittleren Generation: Marc-André Hamelin. Der bescheidene Kanadier, der in Husum heuer schon zum 10. Mal seinen umjubelten Auftritt hatte, nimmt sein Publikum in vielfacher Hinsicht gefangen: wie selbstverständlich die gedankliche und technische Bewältigung des immens komplexen Notentextes, dazu eine schier unfehlbare Technik, unerschöpfliche Kraftreserven und eine wie selbstverständlich zwingende Gestaltung des iberisch-kolorierten Riesenwerks. Schneidende Anschlagshärte gepaart mit weichsten, perlenden Arabesken, präzise-knorrige Tonrepetitionen neben duftig-hingetupften Pianissimo-Läufen - Hamelin machte die Begegnung mit diesem Spätwerk des Spaniers aus dem Jahr 1908 zu einem wahrhaft denkwürdigen Ereignis - und wurde erst nach etlichen Zugaben von seinem tobenden Publikum entlassen.
Der Russe Igor Kamenz als Interpret des dritten Konzerts stellte sich als völlig andersartige Künstlerpersönlichkeit dar: ein freundlich lächelnder, fast verlegen wirkender Mann, der beim Spielen peu à peu in die Haut eines entfesselten Virtuosen im Stile der Tastendonnerer des 19. Jahrhunderts schlüpfte. R. Schumanns selten gespielte, etwas undankbare "Geistervariationen" als einleitender Appetithappen, A. Glasunows 1. Klaviersonate voller heiterer Brillanz zum Warmwerden; dann kamen die mit Spannung erwarteten Opern-Paraphrasen - und der sympathische Russe wurde merklich ein anderer Mensch.
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Schon bei F. Busonis origineller "Carmen"-Fantasie kostete Kamenz technische und klangliche Raffinessen genussvoll aus, bei P. Graingers "Rumble" über das silber-zarte Rosenkavalier-Schlussduett schien der Pianist die Tasten zu streicheln, um dann beim "Robert le Diable" à la Meyerbeer-Liszt den prächtigen D-Steinway einem Härtetest zu unterziehen. Eine grandiose Demonstration pianistischer Virtuosität, die entsprechenden Jubel auslöste und Anlass für eine Fülle weiterer Beispiele spätromantischer pianistischer Kraftakte war. Am Ende war der Hörer fast erschlagen, der unermüdliche Tastenzauberer glücklich und die Husumer "Klavierraritäten" um ein Konzert der Sonderklasse reicher.
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