Variationen der Virtuosität

Wie viele Hände braucht ein Pianist?

Husumer Raritäten: Tagebuchnotizen eines Klavierreisenden aus: Kieler Nachrichten, Kultur aktuell, vom 27. August 2004 von Michael Struck
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Montag: Vor über 20 Jahren habe ich ihn schon mal gehört. Damals war er ein musikalisch heftig pubertierender Tasten-Teenager, der vor allem eins liebte: Lautstärke und Schnelligkeit. Nun gibt Igor Kamenz im ausverkauften Rittersaal sein Husumer Raritäten-Debüt: Künstlerisch hat er sich stark verändert – schein es (zunächst): Die rührenden Geistervariationen, die Schumann schrieb, als der Wahnsinn drohte, spielt er mit verhalten-sonorem Klavierton, würzig abgestuft in den Bässen, in der rechten Hand freilich mit einzelnen Legato-Löchern. Die irisierende Schlussvariation sagt ihm (noch) wenig. Glasunows 1. Sonate, bei der sich Formelhaftes und Leidenschaft bedingen, hat er imponierend im Griff. Mit dem Klavierklang kann Kamenz zaubern, wie hinreißende Pianissimo-Schichten in Percy Graingers Rosenkavalier-Impressionen beweisen. Auch für Liszt hat er ein glückliches Händchen: schlanke, nie dröhnend donnernde Kraft, katzenartige Behendigkeit, Mut zum Risiko (Reminiscences nach Meyerbeers Robert de Diable). Jubel – sechs teils expressive, teils explosive Zugaben. Spätestens als Kamenz den Schluss von Schumanns Carnaval über den Donner-Parcour hetzt, ist er dann doch wieder da: der Ex-Teenager, dem dann und wann Klavierlust vor Musikgeschmack geht. Fesselnd war der Abend aber doch.

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Dienstag: Letztes Jahr hatte Elena Kuschnerova die Raritäten-Woche offiziell eröffnet und mit intelligenter Spielfreude überzeugt. Heute wirkt sie zunächst etwas nervös, war ihr Musizieren aber nur beiläufig tangiert. Bachs e-Moll-Toccata ist klug gegliedert, Czernys Nacht-Fantasie sensibel empfunden. Gounod-Liszts eleganter Faust-Walter mit Witz und Treffsicherheit absolviert. Brahms‘ Schumann-Variationen op. 9 haben, trotz einiger Unschärfen, Atmosphäre und Charakter. Doch in der Pause diskutieren Husums Hörer heftig: Hätte die Pianistin Brahms‘ romantische Kanonik nicht mehr hervorheben müssen? Aber hatte sie nicht einen fabelhaften Blick fürs Ganze? Nach der Pause hat sich die Pianistin gefangen. Das zeigen Tscheikowskys F-Dur-Variationen op. 19/6, vor allem aber Strawinskys Sonate. Die kommt verführerisch tänzelnd und pointensicher daher.

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Mittwoch: Das Konzert des Briten Jonathan Powell ist der bisher anstrengendste Abend. Aber auch besonders lohnend: nach Skrjabins Fantasie op. 28, in der er mit Recht die großen, orchestralen Zügel hervorhebt, zeigt er an drei Beispielen, wie unterschiedlich Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts die Klaviersonate deuten: Samuil Feinberg tut’s einsätzig à la Skrjabin mit verblüffender Entwicklung vom fast atonalen Tumult bis zum Dur-Schluss (6. Sonate). Der frühverstorbene Alexej Stantschinsky fasst die G-Dur-Tonalität ungewohnt und beantwortet die lyrisch pointierte, engführungssatte Eröffnungsfuge mit einem fast schon jazzartigen Presto (2. Sonate). Karol Szymanowskis 3. Sonate wirkt in ihrer verschleierten Viersätzigkeit traditioneller, kommt nicht ohne Schlussfuge davon, schrammt aber heftig an den Rändern der Tonalität entlang. Für diese Sonaten, aber auch für Kaikhosru S. Sorabjis Passegiata veneziana – eine variative Meditation über Offenbachs Barcarole, die im Prinzip witzig-irrwitzig, im Endeffekt aber zu lang ist – braucht man als Pianist eigentlich vier Hände. Powell schafft’s souverän mit zweien. In Klarvierstücken des Wieners Joseph Marx aus dem postromantischen Bermudadreieck zwischen Schumann, Wagner und Richard Strauss hat er eine Menge Zwischentöne parat. Am Ende sind Pianist und Publikum schweißgebadet. Keine Zugabe, doch großer Erfolg!