Analytik und Emotionalität:

Husumer Klavierraritäten gingen zu Ende

shz-Kulturseite (Flensburger Tageblatt, Husumer Nachrichten und alle weiteren Unterausgaben) vom 30. August 2004

Boris Bloch, zum fünften Mal in Husum, setzte in diesem Jahr den Schlussakkord des 18. Festivals "Raritäten der Klaviermusik". Als Zugabe spielte er zwei Etüden nach Paganini von Ferrucio Busoni und ließ damit noch einmal alles hören, was sein Klavierspiel ausmacht: Nuanciert und klangsatt, von interpretatorischer Finesse, raffiniert und immer wieder überraschend.

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Blochs Raritäten sind virtuose Bravourstücke. Nun gut, von Domenico Scarlattis "6 Sonaten" hatte das Publikum nicht viel, weil Bloch gegen den fiepsenden Orgelpunkt eines defekten Hörgeräts anspielen musste. In Bachs Konzert D-Dur (BWV 972, nach einem Violinkonzert von Vivaldi) arbeitete er deutlich barocke Spezialitäten wie Terrassendynamik und Echo heraus. Pavel Pabsts Onegin-Paraphrase nach der Oper Peter Tschaikowskis kommt tänzerisch verspielt daher, um in einem gewaltigen Finale mit großer Geste zu enden. "Tastendonnern" könnte man es nennen, wenn nicht hinter den schmetternden Klangkaskaden die analytische Leistung des Künstlers stünde. Der setzt auf den Widerstreit der Themen, besonders in dieser Rarität von Pabst, der seit 1881 als deutscher Klavierlehrer in Moskau wirkte.
Wie analytisch Bloch vorgeht, zeigte er in den "Dix Préludes op. 23" von Sergej Rachmaninow, gerahmt von zwei langsamen Piècen, Studien voller Kontemplation. Dazwischen: Wucht und Urgewalt.

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Ganz anders hatte sich die junge Pianistin Edna Stern zwei
Abende zuvor präsentiert. Sie geht eher intuitiv vor, bei ihr gibt es dieses Schwelgen, das den Gedanken während des Konzerts Flügel verleiht, weil man zuhört. Ihr Spiel reizt die Fantasie, nicht den Intellekt des Publikums. Ihre Stückauswahl zeigt, wie sie mit Stimmungen spielt, geradezu reizvoll naiv in Haydns "Capriccio G-Dur", dann mit überraschenden Wendungen in dessen Fantasie C-Dur, und vor allem in den beiden Stücken Mendelssohn Bartholdys (Praeludium und Fuge e-Moll op. 35 Nr. 1 und Fantasie fis-Moll op. 28): da rauscht es voll Leidenschaft, ein Crescendo jagt das nächste.
Edna Stern drängt alles ins Extrem. Manchmal sehnt man sich nach dem leisen Ton. In Samuel Barbers Sonata op. 26 jagt sie einem Schauer über den Rücken, weil die Klanggewitter nicht enden wollen. Ein bisschen mehr Lyrik statt Pathos, ein bisschen weniger Ekstase, das wär‘s gewesen. In ihren Skrjabin-Zugaben zeigt sie dann, dass sie‘s auch piano kann. Bravour ohne Routine.