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Für ta(s)tendurstige Raritätenfreunde
Abschließende Tagebuch-Notizen eines Husumer Klavier-Reisenden
Kieler Nachrichten, Kultur aktuell, vom 31. August 2004
Sonnabend: Der Flügel ist wieder zu. Noch lange werden die Besucher des 18. Husumer Festivals Raritäten der Klaviermusik von den Konzert-Erlebnissen zehren – zum Beispiel, wenn Deutschland-Radio Berlin am 25. Oktober Marc-André Hamelins faszinierenden Abend sendet. Das Konzept des Organisators Peter Froundjian ist stimmig und flexibel – da gibt's wenig zu ändern. Womöglich ließe sich der pianistische Nachwuchs durch spezielle Konzert-Engagements zum Einstudieren von Raritäten animieren. Vielleicht könnte man sogar, etwa in Kooperation mit dem SHMF, auch mal unbekannte Klavierkonzerte präsentieren?
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Im Abschlusskonzert mit Boris Bloch leiden Pianist, Hörer und sechs Scarlatti-Sonaten zunächst unter dem entnervenden Fiepen eines falsch eingestellten Hörgerätes. Ob Blochs Spiel trotz aller Vitalität und Größe deshalb etwas fahrig und hart wirkt? Auch Bach-Vivaldis D-Dur-Konzert leidet; es gelingt besser und kompletter, als Bloch es später als Zugabe wiederholt. Höhepunkte sind Rachmaninows Préludes op.23, bei denen es an Elan, Pathos und elegischen Zwischentönen nicht fehlt. Doch Bloch geht mitunter recht frei oder pauschal mit den Noten um.
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An den Vortagen war da anderes zu erleben. Etwa am Donnerstag: Bei Edna Sterns Husum-Debüt ist man vom ersten Ton an gefesselt. Nicht nur von Einzelnem – Technik, Klavierton, Werk, Persönlichkeit. Sondern davon, dass und wie alles zusammenpasst. Im G-Dur-Capriccio und in der C-Dur-Fantasie spürt die 27-jährige Pianistin mit packendem Tempo-, Klang- und Ausdrucks-Timing Joseph Haydns fantasievollen Freiheiten, seinem Innehalten und Ausbrechen nach. Immer wartet man gespannt, was Haydn und Stern wohl als nächstes einfallen wird. Mendelssohn steht ebenfalls unter einem guten Stern. In Präludium und Fuge e-Moll op. 35/1 entwickelt die immer drängendere Fuge nach klug verhaltenem Beginn starke Sogwirkung. Die fis-Moll-Fantasie op. 28 profitiert nicht minder von Sterns fantasievoller Spielintelligenz. Während eine Erinnerungslücke im Schluss-Presto wenig bedeutet, sollte die Pianistin im vorangehenden A-Dur-Allegro einen falsch memorierten Rhythmus umüben (nach dem Doppelschlag geht die Melodie mit Viertelnoten weiter, nicht mit Achteln). Luciano Berios Wasser-, Erden-, Luft- und Feuerklavier (1969–1989) malt sie charakterscharf mit modernen Klavier-Farben. Und in Samuel Barbers Sonata op. 26 (1949), einer der großen amerikanischen Klaviersonaten des 20. Jahrhunderts, mobilisiert sie neben Formbewusstsein, Klangsensibilität und Rhythmusgefühl bemerkenswerte Kraftreserven. Hoffentlich scheint ihr Stern bald wieder in Husum!
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Freitag: Nach seinem erfolgreichen letztjährigen Husum-Einstand ist der Brite Jonathan Plowright wieder dabei. Und wieder imponiert seine belastbare Technik, die im Lauf des Abends zu schönen Differenzierungen fähig ist. Nach der Pause erklingt das Album Hommage to Paderewski, für das sich in den USA lebende Komponisten 1941 zusammentaten, um die Stiftung des Pianisten Ignacy Paderewski für Not leidende Polen zu unterstützen. Da der große alte Pianist im gleichen Jahr starb, wurde die Sammlung zum Nachruf. So scharf Plowright die Stück-Charaktere und Klavier-Stile auch fasst, ist eine gewisse Gedenkton-Lastigkeit unüberhörbar. Bartók herbe Volksmelodien, Castelnuovo-Tedescos chopineske Hommage, Milhauds Choral und Rietis vehementes Allegro Danzante bleiben in Erinnerung. Gewichtiger sind zuvor die zweiteilige große Fantasie op. 38 (1912) des Russen Zygmunt Stojowski, die von spätromantischer Warte aus zurück- und vorausblickt, und Karol Szymanowskis Variationen op. 3, die Schumanns und Brahms' große Variationszyklen ehrgeizig fortschreiben. Kleinod dazwischen: Lennox Berkeleys geist- und klangvolle (auch für höhere Altersgruppen von "Jugend musiziert" attraktive) Preludes op. 23, von Plowright höchst überzeugend dargestellt. Nicht zuletzt solche Funde machen für Ta(s)tendurstige den Husumer Klavier-Charme aus.
Michael Struck
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