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Festival "Raritäten der Klaviermusik" in Husum
Rückblick 2002 und Ausblick auf das 17. Festival (August 2003)
PianoNews Heft 3/2003 - vom Verfasser autorisierter Vorabdruck
von Stefan P. L. Romansky, Bonn
Der geneigte Leser der PianoNews verfolgt nun schon seit einigen Jahren die Berichterstattung über das Festival "Raritäten der Klaviermusik" aus Sicht des unterzeichnenden Musik- und Klavierfreundes. Wer sich jeweils aktuell und ausführlich informieren will, kann bei www.nordfriesland.de mit dem Suchwort "raritäten" recherchieren und darf sich vor allem auf Michael Strucks treffende Zusammenfassungen aus den "Kieler Nachrichten" verlassen. Die Website ist dank Dr. Konrad Grunsky (selbst musikalisch erbbelastet) erfrischend zeitnah gepflegt.
In Heft 1/2002 wurden die Eigenheiten dieses ganz speziellen Klavierereignisses zusammengefaßt. Heute nun gilt es, die Klavierwoche 2002 zu beleuchten, alsdann Appetit zu machen auf die Ereignisse, die sich für kommenden August 2003 anbahnen.
Rückblick auf 2002:
Jean Dubé (geb. 1981), Utrechter Liszt-Preisträger 2002, beeindruckte im Vorkonzert mit stupender Technik. Wohl selten ist Auber-Liszts "Tarantella di Bravura" so virtuos entfesselt zu hören. Man wünscht diesem jungen Künstler noch viel Gestaltungskraft für seinen weiteren Weg.
Vom eigentlichen Eröffnungsabend mit dem sympathischen Steven Osborne bleibt besonders in Erinnerung das locker gestaltete "Konzert nach dem Konzert": gelungen jazzige Zugaben knüpften an Oscar Peterson und an Jazz-Preludes von Kapustin aus der ersten Konzerthälfte an.
Sensibel, fast schon scheu, wenn auch an richtiger Stelle keineswegs kraftlos, wirkte Konstantin Lifschitz mit seiner Klavierkunst, u. a. in Skrjabins Etüden op. 11 und Medtners op. 27. Ihn sollte man unbedingt längerfristig im Auge behalten.
Marc-André Hamelin bot schwerstes Kaliber: Godowskys hypertrophe Sonate von 1911 wirkt nicht nur auf CD, sondern in seiner Interpretation großartig auch im Konzert. Ein eigens deswegen von weither angereister Pianistenkollege war zu Recht fassungslos, was der Künstler hier leistete. Husum kann sich glücklich schätzen, Hamelin zu seinen treuesten Gästen zählen zu dürfen.
Nicholas Walker fiel das undankbare Los zu, einleitend zu seinem Recital Kuhlaus nicht enden wollende Sonate op. 30 vorzustellen. Sarkastisch orientierte Besucher schlugen hernach ein eigenes Kuhlau-Klavierfestival vor, mit der Besonderheit, daß Beginn für jene wahren Fans jeweils erst gegen 23.30 h sein sollte. Walker tat sein Bestes, wahrlich nicht wenig! Nur schien das Werk es nicht wert. Das überschattete die interessante Begegnung u. a. mit Werken von William Baines und des beim Konzert anwesenden Timothy Bowers.
Kolja Lessing ist ein in hohem Maße intellektueller und im besten Sinne geistreicher Musiker; der Rezensent hat ihn inzwischen als Pianist, Geiger und Moderator erleben dürfen. Aus seiner Klavierhand klangen besonders Felix Petyreks fast schon streng-verbissen dargebotener Foxtrott "Irrelohe" von Felix Petyrek und Karol Rathaus' große Sonate op. 2 (1920) nach, ferner mit erkennbarer Sorgfalt ausgewählte Encores.
Krankheitsbedingt mußte der 89jährige György Sandor absagen. Ganz kurzfristig übernahm Frédéric Meinders diesen Abend, und nicht nur das: er brachte weitere Raritäten, teils aus eigener Feder. Besonderer Leckerbissen: seine - mit Ausnahme des Schlußteils - linkshändig konzipierte Transkription der Arie "Mon coeur s'ouvre à ta voix" aus Saint-Saens' Samson und Dalila - ein "Muß" für die Jahres-CD 2002 (danacord)!
Ausklang mit Yaara Tal und Andreas Groethuysen, die von Mal zu Mal perfekter (aber nie "glatt") werden. Ihre vormals "reine" Vierhändig-Vergangenheit hat sie enorm geschult, aufeinander zu hören, und dies kommt ihnen nun auch bei ihrem Wirken auf zwei Klavieren enorm zugute. Schon Czernys "Grande Sonate" op. 178 auf einem Flügel war ein Genuß, schon bald übertroffen - auf zwei Klavieren - von Ignaz Friedmans Suite op. 70 und vor allem Godowskys Kontrapunktischer Paraphrase über Webers "Aufforderung zum Tanz" (1921). Die beiden Künstler fühlen sich inzwischen schon heimisch in Husum.
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| Jeremy Nicholas (links) und Peter Froundjian |
Kommt man auf die (weiteren) Höhepunkte zu sprechen, ist zum einen Jeremy Nicholas' amüsante Sonntagsmatinée über "Recorded Rarities" zu erwähnen. Hörenswert nicht nur die vielen Klangbeispiele aus der Schatzkiste eines langjährigen Jägers, Sammlers und Kenners, sondern auch die charmante Präsentation, gespickt mit Anekdoten und Neuem auch für den härtestgesottenen Klavierfreak. Auch Nicholas scheint Husum schätzen gelernt zu haben, und auch bei ihm hofft man auf eine Wiederbegegnung.
Musikalischer Gipfel war aus Sicht des Chronisten Enrico Pace, der erneut - wie schon 2001 - weit über den Tag hinaus wies. Hier musiziert ein grandioser, herausragender Techniker und dabei tief nachdenklicher Klavierpoet, daß man sich wundern muß, wie schmählich unsere Musikindustrie (welch ein Wort, leider auch ein Machtwort!) an derart wirklich großen Künstlern vorbeizugehen wagt. Pace, Jahrgang 1967, auf dem Podium und im persönlichen Umgang auffallend bescheiden, wird nicht ohne Grund von renommierten Instrumentalisten zum Mitmusizieren eingeladen, so von der Hornistin Marie-Luise Neunecker und dem inzwischen großen deutschen Geiger Frank-Peter Zimmermann (vorzumerken ist der 25. September 2003 beim Bonner Beethovenfest). Was Pace bei Glasunows 2. Sonate, Nikolai Medtners op. 22 und bei Prokofieff leistete, wurde gekrönt von der teuflisch schweren Feuervogel-Transkription von Guido Agosti. Das Notierte ist eigentlich unspielbar. Pace rührte dies anscheinend nicht, er wählt das ballettgerechte Tempo, bei ihm spricht aus jedem noch so lauten Klang der Musiker am Klavier. Wer den Deutschland-Radio-Mitschnitt dieses Recitals besitzt, wird ihn nicht missen wollen!
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| Titelblatt "Feuervogel" (Notenblatt zum Vergrößern anklicken) |
Ausblick auf 2003:
Auch 2003 bietet ein Vorkonzert; Anlaß: das Husumer Stadtjubiläum; diesmal ein Liederabend, in der ersten Hälfte mit Theodor Storm-Vertonungen von Brahms, Reger, Zemlinsky, Weigl, Schreker, Joseph Marx, Alban Berg und Walter Courvoisier, im zweiten Teil mit Liedern von Schreker, Marx und Rued Langgaard, deren Klavierpart die Einbeziehung dieser Musik in das Festival rechtfertigt. Die Münchener Sopranistin Katja Händel wird von Peter Froundjian begleitet, der sich als spiritus rector des Festivals mit seiner eigenen Klavierkunst in den letzten Jahren (bedauerlicherweise!) auffallend zurückgehalten hat.
Den Eröffnungsabend am 16. August bestreitet Elena Kuschnerova mit Beethoven (Salieri-Variationen), Fauré, Schönberg (Klavierstücke von 1894), Mahler (zwei eigenen Liedtranskriptionen der Künstlerin!), Strawinsky (4 Etüden op. 7), Medtner (Märchen-Sonate op. 25/1), A. Lokshin, Mussorgsky (4-6 Klavierstücke) und Glinka (Donizetti-Variationen).
Die Sonntags-Matinée ist dem dänischen Komponisten Rued Langgaard gewidmet; Esben Tange führt in sein Werk ein, die Pianistin Berit Johansen stellt mehrere Stücke "live" vor.
Am 17. August Wiederbegegnung mit Marie-Catherine Girod und Werken von de Bréville (Portraits des maîtres), Fauré (1. Valse-Caprice, 4. Impromptu), Duparc, Bizet, Poulenc (Nocturnes und Improvisations), des Belgiers Herberigs (À la fontaine Bellarie), von Florent Schmitt (Valse-Nocturne No. 1 und "Le chant de cygnes"), Louis Aubert (Sillages, ein längeres Werk).
Husum-Debüt für Cyprien Katsaris am 18. August mit einem komplett latein-/südamerikanischen Programm: Aguilar, Mangore, Cervantes, Villa-Lobos, Nazareth, Ginastera, Piazolla, Rodriguez (die zündende "La Cumparsita", bearbeitet von Katsaris!), Ponce, Campos, Gómez u. a. Katsaris war schon immer virtuosen Überhöhungen aufgeschlossen; in Japan sind einige seiner eigenen Transkriptionen veröffentlicht.
Der Brasilianer Arturo Jamardo bringt am 19. August Bach-Busonis Toccata C-Dur, Liszt, R. Strauss' Sonate op. 5 und in der zweiten Hälfte Stücke von Vianna, Fernandez, Aguirre, Guastavino, Ginastera (Suite de Danzas Criollas op. 15) und Villa-Lobos (Ciclo Brasileiro).
Am 20. August spielt Jonathan Plowright aus England Werke von Grieg, Stojowski (darunter Variationen und Fuge op. 42), Poulenc (Soirées de Nazelles) und Paderewski (u. a. Théme varié op. 16/9).
Fredrik Ullén aus Schweden, zuletzt 2001 in Husum, interpretiert am 21. August Werke von Stenhammar (Sensommernätter op. 33), Petterson, Adolf Wiklund (Lyrische Stücke op. 14), Skrjabin (Préludes opp. 22 und 74) und mehrere Transzendentale Etüden von Sorabji.
Seta Tanyel präsentiert am 22. August Frédéric Lamond, Benjamin Dales rund 40minütige Sonata 1905 (gewidmet York Bowen, stilistisch zwischen Reger und Elgar), Ronald Stevensons Peter Grimes-Fantasy, Moszkowski, Joaquin Nin und Chopin (Rondo op. 16).
Ausklang am 23. August mit dem Genueser Andrea Bacchetti (Jahrgang 1977): Werke J. S. Bach (eine Englische Suite), Robert Schumann (Intermezzi op. 4), Verdi, Rossini, Julian und Alexander Skrjabin, Prokofieff (4. Sonate).
Erneut vielversprechende Aussichten, diesmal gleich mit drei Pianistinnen.
Weitere Einzelheiten und Daten über den eingangs genannten Link. Kartenwünsche an die Buchhandung Delff, Krämerstraße 8, 25813 Husum, Telefon 04841-2163, Fax 04841-81686, E-Mail: buecher@delff.de
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