Mit spielerischer Intelligenz

Husum widmet sich wieder den Raritäten der Klaviermusik

Kieler Nachrichten, Kultur aktuell, vom 19. August 2003

Während die Welt vor einem neuen Computervirus zittert, lockt Nordfriesland wieder mit dem Klavi(e)rus – genauer: mit Raritäten der Klaviermusik, die noch bis Sonnabend im Schloss vor Husum zu hören sind. Man nehme das Vielzweck-Instrument Klavier, Werke abseits des Repertoires und interessante Pianisten – so lautet das Erfolgsrezept seit nunmehr 17 Jahren.

Das bewies gleich das offizielle, vom Deutschland-Radio direkt übertragene Eröffnungskonzert am Sonnabend. Elena Kuschnerova fesselte bei ihrem Husum-Debüt mit atmender Virtuosität, die Michail Glinkas hübsche Donizetti-Variationen am Ende des Abends zu funkelnden Klavier-Abenteuern adelten. Schon Beethovens Salieri-Variationen hatten Kuschnerovas Stärken gezeigt: Formverstand, Klanggefühl, Behendigkeit und genau kalkulierte Pedaltechnik.
Solch spielerische Intelligenz kam in besonderem Maße Alexander Lokshins Präludium und Thema mit Variationen (1982) zugute, einem ebenso knapp wie eindringlich gefassten, gehaltvollen "postmodernen" Werk, das der Pianistin gewidmet ist. Auf weitem gleichem Niveau erklang auch das übrige Programm – etwa Medtners gewichtige Märchen-Sonate op. 25/1 oder drei frühe Klavierstücke Schönbergs, die ihr Vorbild Brahms teils nachbilden, teils durch Taktfinessen zu übertrumpfen suchen und auf bequeme Spielbarkeit keinerlei Rücksicht nehmen.

Nur scheinbar tanzte das vorgeschaltete Sonderkonzert vom Freitagabend aus der Klavier-Reihe. Doch der Liederabend passte gut zum Husumer Raritäten-Konzept – nicht nur, weil das Klavier in den spät- und postromantischen Gesängen eine gewichtige Rolle spielt. Raritätenwürdig war auch die Liedauswahl zwischen Brahms, Berg und Rued Langgaard, wobei Liedblöcke des Schweizers Walter Courvoisier und des Österreichers Joseph Marx attraktive Schwerpunkte bildeten.

Kàtia Händel und Peter Froundjian

Dass vor der Pause lauter Storm-Vertonungen erklangen, ergab eine feine Doppelhommage an den Dichter und seine Stadt zu deren 400-Jahr-Feier. Und endlich war Peter Froundjian wieder als Pianist bei "seinem" Festival zu hören. Er meisterte die anspruchsvollen Klavierpartien mit kontrollierter Leidenschaft, klanglich-rhythmischer Genauigkeit und Feinfühligkeit. Das hatte zweifellos Husumer Raritäten-Rang – Kàtia Händels Gesang dagegen nicht.

Wenn es darum geht, den Staub von vergessenen Notenheften zu pusten und zu entdecken, was für Musik darin steckt, dann ist Marie-Cathérine Girod – Sonntagabend am famosen Steinway – eine Idealbesetzung. Sie erweckt die Notenzeichen zu klingendem Leben, findet Witz und Charme in Pierre de Brévilles prägnanten Portraits de maîtres oder charakterscharfen Nocturnes und Improvisations von Poulenc. Bizets eigentümlich zwischen Schumann und Wagner pendelndes 1. Nocturne lebt ebenso auf wie das elegische Leuchten in Duparcs Aux Étoiles.

Und in A la Fontaine Bellerie des Belgiers Robert Herberig und den Sillages des Franzosen Louis Aubert demonstrierte sie, wie viele verschiedene "Impressionismen" es Anfang des 20. Jahrhunderts gab: Beides sind ausgesprochene Wasser-Inspirationen, die sich in Girods stimmigem, facettenreichem, konzentriertem Spiel als Klavierpoesie von Format erwiesen – vielleicht regelmäßiger als Ravels und Debussys geistesverwandte Kunst, doch intensiv in Klangsprache und Atmosphäre.

Wie immer war es ein Vergnügen, Frau Girod auf ihren Erkundungsfahrten in unbekanntes Klavierterrain zu begleiten (Deutschland-Radio wird das Konzert später senden). Eine reichhaltige Sonntagsmatinee war in Husum dem dänischen "Exzentriker" Rued Langgaard gewidmet, die durch eine informative Ausstellung begleitet wird.