|
Zwischen Wucht und Kitzel
Weitere Raritäten der Klaviermusik im Schloss vor Husum
Kieler Nachrichten, Kultur aktuell, vom 22. August 2003
Hautnah ist bei den Raritäten der Klaviermusik all das zu hören, was zwischen, neben oder unter den bekannten Monumenten des Klavierrepertoires wuchs. Von den drei mittleren Husumer Konzerten waren verblüffend unterschiedliche Eindrücke heimzunehmen.
Klavierstar Cyprien Katsaris schüttete am Montag in einem fast dreistündigen Klavierabend ein Füllhorn lateinamerikanischer Musik aus – elegische oder liebreizend tänzelnde Petitessen wie etwa eine Gruppe aparter Piazolla-Tangos, Ernesto Nazareths Ohrwurm Odeon oder Rubén M. Campos' erfrischende Airs Populaires. All das servierte Katsaris mit luftig-unaufdringlichem Charme, tänzelndem Schulterspiel – und dem schönsten Pianissimo seit dem Husum-Auftritt von Stephen Hough im Jahre 1994.
Freilich hatte der Pianist mit Manuel Ponces Intermezzo und Balada Mexicana und frühromantischen Variationen über ein mexikanisches Thema von José Antonio Gómez nur zwei (etwas) größere Formate parat. War das zu viel Kleinklein-Spiel, nicht genug pianistischer Biss, Barmusik gar – wenn auch vom Feinsten? Nun, wenn "Bar", dann doch "Wunder-Bar" mit Nobel-Fingerfood, vom Chef handgefertigt.
Als wolle er solche Einwände kontern, fetzte Katsaris als Zugabe seine haarsträubende Bearbeitung von Bachs Toccata und Fuge in d hin, oft hemmungslos überhetzt, doch mit traumhaft verschattetem Beginn der Fuge: Klavierkitzel à la Katsaris.
Gegenteilig verlief die lateinamerikanische zweite Konzerthälfte im zwiespältigen Klavierabend von Arturo Sudbrack Jamardo. Dort ging es herber, aber auch grandioser zu – vor allem im faszinierenden, nachtschwarz aufragenden Jongo des Brasilianers Oscar L. Fernandez. In treffender Balance aus Wucht, Sensibilität und Leuchtkraft erklangen auch Alberto Ginasteras Suite de Danzas Criollas, die von fern an Bartóks geniale Lied- und Tanzadaptationen erinnern, und Teile aus Heitor Villa-Lobos' packendem Ciclo Brasileiro. Vor der Pause hatte nur Liszts eigenartig fortschrittliche Frühfassung von Harmonies poétiques et religieuses überzeugt. Bach-Busonis Toccata in C blieb Stückwerk. Und der Klaviersonate op. 5 des 16-jährigen Richard Strauss fehlte genau das an Überschwang und Tempo, was die kräftig aus Beethovens, Mendelssohns und Schumanns Quellen gespeiste pubertäre Mischung aus Schablone und Unbekümmertheit gebraucht hätte (im Finale fehlte zudem ein Teil der Durchführung).
Einen fulminanten Einstand feierte Mittwochabend der Brite Jonathan Plowright. Seine unbeirrbare Pianistik wirkt in Griegs Holberg-Suite erst noch etwas massig. Doch zunehmend setzten sich auch Plowrights sensible Seiten durch. Das waren fabelhafte Voraussetzungen seines Einsatzes für den polnischen Spätromantiker Zygmunt Stojowski. Fasziniert verfolgte man dessen Weg von den chopinesken Variationen op. 26/4 zu den eigentümlichen Variationen und Fuge op. 42, die auf einem 7/4-Takt-Thema basieren und, abgesehen vom recht trivialen Schluss, auf eigenen Füßen neben Rachmaninow und dem frühen Szymanowski stehen. Auch dem Charakter- und Anspielungsreichtum von Poulencs Soirées de Nazelles, die genial epigonal mit Stilen (und nicht zuletzt mit Schumanns Carnaval) spielen, wurde Plowright glänzend gerecht. Bei Stojowskis berühmterem Kollegen Paderewski entdeckte er erstaunliche Intensität und zeigte am Ende seines pfiffigen Zugaben-Quartetts in Pat Methenys Letter from home noch einmal, wie intensiv sich auf Steinway-Tasten singen lässt. Bravo!
|
|
|
|