Etüden entführen in eine ferne Welt des Klangs

shz-Kulturseite (Flensburger Tageblatt, Husumer Nachrichten und alle weiteren Unterausgaben) vom 26. August 2003
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Seta Tanyel spielt Hämmerklavier. Die in Istanbul geborene Armenierin drischt bei den Raritäten der Klaviermusik im Schloss vor Husum auf den Flügel ein, dass einem bang wird. Die Sonate in d-Moll des Schotten Benjamin Dale rauscht mit knallenden Bässen und klirrendem Diskant vorbei. Dass es da Anklänge an Liszt und Chopin gibt, ist nur zu ahnen, zumal Tanyel das Stück technisch nicht voll im Griff hat. Ronald Stevensons wuchtige "Peter-Grimes-Fantasy" liegen ihr bessere, ebenso Joaquin Nins irrwitzige "Danses Espagnoles" mit temperamentvollen Flamenco-Farben. Mit Introduktion und Rondo in Es-Dur op. 16 zeigt Tanyel Chopin von seiner unbekannten, jugendlich-frechen Seite. Doch im Ohr hallt's nach...

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Der junge Italiener Andrea Bacchetti, bestreitet den letzten Abend der Raritäten ebenfalls mit Fortissimi jenseits der Schmerzgrenze. Doch zum Glück spielt er sonst sehr nuanciert. In der Englischen Suite Nr. 4 zeigt der 27-Jährige mit druckvollem Nonlegato-Spiel, dass seine Sicht auf Bach an Glenn Gould orientiert ist. Schumanns barockisierende "Intermezzi op. 4" und Prokofjews Sonate Nr. 4 präsentiert er analytisch. Anrührend ist die Begegnung mit den vier Klavierstücken Julian Skrjabins, der 1919 vier Jahre nach seinem Vater Alexander elfjährig starb - ein ungeheures Talent, das der Welt viel zu früh abhanden kam.

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Ungeheures Können entfaltet der Schwede Fredrik Ullén am Instrument. Sein Spiel nuanciert in zartesten Piano-Bereichen, selbst seine Fortissimi klingen sonor schepper-frei; jeder Ton scheint genauestens durchdacht und inspiriert. Das ist umso erstaunlicher bei dem, was der Mann spielt: Die fünf skandinavischen Komponisten, die Ullén vorstellt, sind anspruchsvoll, aber nur musikalische Vorspeise, ebenso die zwei "Prelude"-Serien Alexander Skrjabins. Nein, das alles ist nichts gegen die neun der "100 Etudes Transcendentes" von Kaikhosru S. Sorabji. Der Brite indischer Herkunft schrieb so schwere Klaviermusik, dass er ihre Aufführung jahrelang verbot. Auf bis zu sechs Notensystemen verteilen sich die Einfälle dieses exzentrischen Genies. Ullén kommt damit auf grandiose Weise zurecht, beherrscht die zahllosen mäandernden Stimmen in den Stücken ebenso wie geheimnisvolle Arpeggien oder sich wild vermehrende Trillerketten. Und klanglich fühlt man sich in eine geheimnisvolle neue Welt versetzt. Und da nun noch 91 von Sorabjis Etüden übrig sind, sind weitere Klavier-Raritäten mit Fredrik Ullén ein unbedingtes Muss.