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Klavier-Exkurse und Pianisten-Charaktere
Kieler Nachrichten, Kultur aktuell, vom 26. August 2003
Es gibt Leute fürs Feine, fürs Grobe und fürs Besondere. Ähnlich auch bei den Raritäten der Klaviermusik: Da finden wir neben sensiblen oder virtuos auftrumpfenden Pianist(inn)en gelegentlich die Spezialisten fürs (beinahe) Unmögliche. Zu ihnen zählt der 35-jährige Schwede Fredrik Ullén.
Kam er vor zwei Jahren mit vertrackten Ligeti-Etüden in den Rittersaal des Husumer Schlosses, so hat er am Donnerstag neun der 1940{mdash}44 entstandenen 100 Études transcendantes von Kaikhosru Sorabji (1892{mdash}1988) dabei. Dieser Brite indisch-südeuropäischer Abstammung war einer der exzentrischsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Jahrzehntelang verbot er Aufführungen seiner Musik, weil ihn die gängigen Aufführungsbedingungen anwiderten. Bei Ullén hätte er wohl eine Ausnahme gemacht. Der lässt sich von den fast pausenlos fließenden, wirbelnden oder durch den Tastenraum schießenden Figurationen und Doppelgriff-Zumutungen nicht aus dem Konzept bringen und ebenso wenig von den hochkomplexen Schichtungen des Klaviersatzes, dessen Harmonik vom späten Skrjabin aus ins Atonale wächst. Dass Sorabjis Komplexität mitunter ins Quallenhaft-Amorphe umkippt, kann auch Ullén kaum verhindern. Doch er entdeckt enorm viel Gestalt- und Charakterreichtum aus dieser eigenartigen Musik. Eine Glanzleistung!
Auch das übrige Programm – darunter Schwedisch-Spätromantisches mit Wilhelm Stenhammars Sensommernätter, die Brahms herb-nordisch weiterdenken, und Adolf Wiklundsheller gezeichneten Lyrischen Stücken – profitiert von der Klavierintelligenz Ulléns, der sich bei den Zugaben zudem als Schubert-Interpret von eindringlicher Schlichtheit outet.
Im Zentrum des Freitags-Konzertes steht die hierzulande völlig unbekannte d-moll-Sonate des Briten Benjamin Dale (1885-1943). Der komponierte als Siebzehnmähriger ein ehrgeiziges, mit Recht selbstbewusstes, pianistisch höchst anspruchsvolles viersätziges Werk, bei dem langsamer Satz und Scherzo aus einem Thema mit sieben Variationen bestehen. Formal eher an Brahms als an Liszt orientiert, spaziert es harmonisch zwischen frühem Richard Strauss und Wagner bis an Grenzen traditioneller Tonalität. Seta Tanyel spielt das (und ihr weiteres Programm) durchaus achtbar. In frühen Husum-Jahren wäre man für die Begegnung einfach nur dankbar gewesen. Doch inzwischen liegt die Raritäten-Messlatte weit höher. Und so überlegt man beim Hören immer wieder, wie packend Dales Überfliegersonate wohl bei einigen von Husums Überfliegerpianisten (Pace, Hamelin & Co.) klänge.
Solche Gedanken zerstieben, als der 26-jährige Italiener Andrea Bacchetti am Sonnabend die ersten Töne anschlägt. Bachs vierte Englische Suite erklingt hochkonzentriert, markant, mit überzeugenden, doch nicht überzogenen Differenzierungen{mdash} kein "historischer", doch ein packender Bach. Sinn für Zusammenhänge beweist Bacchetti, als er danach Schumanns Intermezzi op.4 spielt – das erste tieflotende Klavierwerk dieses Komponisten, das ebenso stark von Jean Pauls Romanen wie von Bachs Kontrapunkt inspiriert ist. Über einzelne Tempi und Lautstärken Bacchettis könnte man diskutieren. Nicht aber darüber, dass er eine durchdachte und durchfühlte, technisch wiederum untadelige Sicht auf diesen von anderen Pianisten sträflich vernachlässigten Schumann bietet. Später deutet Bacchetti einige Préludes und Etüden Alexander Skrjabins auffallend abgeklärt und unverkrampft. Dass er ihnen vier Jugendstücke von Skrjabins (1919 mit elf Jahren ertrunkenem) Sohn Julian voranstellt, ermöglicht Einblicke in eine "unabgeschlossene" Vater-Sohn-Beziehung.
Den packenden Abschluss des gehaltvollen Husumer Raritäten-Jahrganges 2003 bildet Prokofjews Vierte Sonate. Der Pianist legt ihre Schichten und Farben so strukturbewusst und sensibel frei, dass das scheinbar leicht Spröde biegsam wird und zu leuchten beginnt. Von Bacchetti wird man künftig wohl noch viel hören. Hoffentlich auch wieder in Husum: Die nächsten Raritäten-Woche kommt. Sie beginnt am 21. August 2004.
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