Raritäten der Klaviermusik" im Schloss vor Husum - Rückblick und Ausblick

von Stefan P. L. Romansky, Bonn

PianoNews Heft 1/2002

Geballte Spannung am 18. August im Schloss vor Husum: Wird der Herr Kreispräsident wieder dieselbe Einführungsrede halten wie in den letzten Jahren? Ja, aber nur fast: heute verliest er - wörtlich aber ungekennzeichnet - Passagen aus der PIANONews-Vorschau im Frühjahrsheft ("... am besten alles buchen!"). Warum nicht?!

Husum ist ein intimes Festival, nur 160 Plätze im Rittersaal, nur wenige seitliche Hörplätze bei ausgebuchten Veranstaltungen (gut 90 % Auslastung!), schon das schafft eine unvergleichliche Atmosphäre. Einiges davon spiegelt das kürzlich erschienene Promotion-Video wieder, 2001 mitgesponsort von der produzierenden Firma. Auf Sponsoring ist das Festival angewiesen, Stadt, Kreis und Land finanzieren angesichts leerer öffentlicher Kassen das Festival nur sehr unvollkommen. So trägt der vom Vorsitzenden des Fördervereins, Mitglied des Landtages Dr. Ulf von Hielmcrone, immer wieder gern zitierte "gute Stern" nicht nur in Form von Speis' und Trank am jeweiligen Eröffnungsabend wesentlich zum Gelingen des Festivals bei.
Die Klavierfreunde nutzen wirklich alle Gelegenheiten zum regen Austausch: der Husum-Novize wird gern sofort in die Diskussion einbezogen. Deutsch und Englisch sind Verkehrssprachen, ohne jegliche Berührungsängste. Ich selbst, seit 1998 "dabei", zähle manchem Gesprächspartner von seinem ersten Husum-Abend inzwischen zu meinem Freundeskreis. Der allererste Sitznachbar ließ ihn Noten mitlesen, für 2002 haben beide nebst Ehefrauen Ferienwohnungen im selben Husumer Haus gemietet. Unmittelbar nach den New Yorker Anschlägen vom 11. September 2001 wurde allseits besorgt gemailt: ist auch keinem Husumer US-Gast etwas passiert? Nein, auch Norman, der Anwalt aus Connecticut mit den Badelatschen, und seine liebe Roberta, beide 2001 erst- aber nicht letztmals in Husum, melden sich OK.

Nicht nur untereinander finden in Husum die Klavierfreunde Kontakt: Fast jeder auftretende Musiker nutzt nach dem Konzert "Jaqueline's Café" zum entspannenden Beisammensein, Klönen und freundlicher Konfrontation mit Verehrern oder Kritikern.
Peter Froundjian, künstlerischer Leiter des Festivals, verficht überzeugend sein Konzept: Früher habe er Zeiten erlebt, da abseits vom (inzwischen) gängigen Repertoire vieles als minderwertig, zweitrangig, verpönt gegolten habe. Er habe selbst musikalische Entdeckungen gemacht, die ihn begeistert hätten, das habe er – selbst vorzüglicher Klavierinterpret – als Stimulans für sich empfunden und gespürt: "Das muss man einfach neu bewerten!" Weg mit der abfälligen Sicht auf Virtuosität, auf manche musikalische "Zirkusnummern"! Welche wunderbare Klangmöglichkeiten der Konzertflügel bietet, zeigen – so Froundjian und inzwischen immer mehr Interessenten – nicht zuletzt Transkriptionen, wenn sie denn nur von Künstlern geboten werden, die ein Faible und die Fähigkeiten dafür haben. Notabene: die geballte Masse an Virtuosengeklingel, die Multi-Preisträger Giovanni Bellucci 2001 nicht durchweg überzeugend vortrug, kam weniger gut an. Flachheit ist keineswegs Trumpf.
Überragend aber Enrico Pace, ein großartiger Musiker, den man auch bei Hindemith gebannt verfolgt. Nach der Pause begleitete ein schweres Gewitter vor allem Wagner-Busonis "Siegfrieds Trauermarsch aus der 'Götterdämmerung'" – aus gutem Grund hat DeutschlandRadio seinen Mitschnitt trotz dieser akustischen Beeinträchtigung einige Wochen später gesendet!

Alfredo Perl, Münchener aus Chile, gestaltete am Eröffnungsabend u. a. Webers As-Dur Sonate so differenziert, wie vom Komponist notiert. Treffend wie humorvoll Perls Aussage im Video: "Hier werden Programme verlangt … wenn ich solche woanders vorschlagen würde, bekäme ich einen Vogel gezeigt!"
Konstantin Scherbakov (Zürich) und Fredrik Ullén (Stockholm) bewiesen, dass ihre pianistisch-musikalischen Großtaten (KS: Godowsky-Projekt, FU: Ligeti-Etüden und "Got a minute") sich nicht auf CD-Einspielungen beschränken. Henri Sigfridsson, Kölner aus Finnland, stellte lohnende skandinavische Raritäten vor. Und Frédéric Meinders, Niederländer mit brasilianischem Wohnsitz, war – wie schon zwei Jahre zuvor – der großartige Abschiedsabend vorbehalten – ein überlegen(d)er Künstler mit eigenen kompositorischen Fähigkeiten.
Zu erwähnen ist aus der Pause eines hier ungenannten Konzerts die provokative Frage eines als Kenner geltenden Besuchers: "Wollen wir nicht lieber eine Pizza essen gehen?" Ausreißer in Husum sind selten, weil Froundjian vor einer Einladung sorgfältig "siebt". Die Regel ist vielmehr – allerdings klar dosierte! – Begeisterung, vor der aber Kulturamtsleiter Konrad Grunsky geradezu Angst hat: Trampeln auf dem historischen Holzboden schädigt erheblich das alte Gemäuer.

Weitere Husumer Regelmäßigkeiten:
- Stets acht Klavierabende von Samstag bis Samstag einschließlich, am einzigen Festival-Sonntag die Vortrags-Matinée mit Musikbeispielen, meist zu raren Pianisten und/oder Klavierkomponisten, flankiert von einer passenden Ausstellung mit Dokumenten, Fotos, Noten, Platten etc. Zur 2001er Entdeckung – Johann Abraham Peter Schulz.
- Froundjian gewinnt als Autoren für das jeweilige Programmheft ausgewiesene Raritätenkenner mit Zugang wenigstens zu den Noten der geplanten Werke; viele alte Jahrgänge sind noch zum Sonderpreis erhältlich und gelten als wahre Fundgrube.
- Alle zwei Jahre reist in alter Treue der Raritäten-Titan Marc-André Hamelin an, voraussichtlich wieder 2002 (Festival vom 17. bis 24. August).
- Die Konzerte werden mitgeschnitten. Danacord veröffentlicht seit 1989 alljährlich eine Anthologie. Leider sind CD-Aufnahmen vollständiger Husum-Recitals (z. B. von Roberto Capello) selten. Das Husum-Klangarchiv dürfte über unglaubliche Schätze verfügen. In den letzten Jahren hat DeutschlandRadio die jeweils ersten Recitals aufgenommen, der Eröffnungsabend kam jeweils live über den Äther.
- Steinway stellt jeweils ein Spitzeninstrument und einen kompetenten Klaviertechniker.
- Ach ja, der Herr Kreispräsident: Ihn sieht man eigentlich nur am Eröffnungsabend. Aber immerhin...
Nicht nur für "connaisseurs" und "aficionados": Husum bringt jedem unvoreingenommenen Konzertbesucher kurzweilige Erlebnisse. Was haben eigentlich Sie kommenden August vor?

Bezugsquellen für das 30-Minuten-Video mit Klangbeispielen von Meinders, Peeken, Perl und Scherbakov:
Stiftung Nordfriesland, Schloß vor Husum, 25813 Husum, Tel. 04841-8973-102, Fax -111, kulturamt@nordfriesland.de (15.- € zzgl. 3.- € Versandkosten)
Opus E, Peter Seidle, Kriegsstraße 161, 76135 Karlsruhe, Tel. 0721-813940 (15.- € nebst Versand, je nach Bestellsumme)