Auftakt der Husumer Klavier-Raritäten

Entertainer und Ernste

Kieler Nachrichten, Kultur aktuell, vom 20. August 2002

Vor dem eigentlichen Eröffnungsabend Husumer Raritätenkonzerte im Schloss vor Husum gab es ein Sonderkonzert mit dem Gewinner des Utrechter Liszt-Wettbewerbs, Jean Dubé. Der erfüllte Husums Raritäten-Erwartungen durchaus: in der ersten Konzerthälfte mit vorwiegend skandinavisch-spätromantischem Programm (Nielsen, Petersen-Berger, Ciurlionis, Grieg), danach mit Huldigungen an seinen momentanen Haus- und Preis-Gott Liszt. Dubés relativ gradliniges, in der Grundstimmung lyrisch-schlankes Spiel wirkt sympathisch. In Liszts Tarantella di bravura nach Auber wurde auch die pianistische Zauberkiste geöffnet. Einem Stück wie Griegs gewichtiger g-Moll-Ballade blieb er freilich Schattierungen und die überzeugende "Psychologisierung" der einzelnen Variationen (noch) schuldig.

Substanz, Charakter und Spannung

Was Jean Dubés Spiel gefehlt hatte, war tags darauf spätestens nach den ersten Tönen des offiziellen Eröffnungskonzerts klar. Da erlebte der 31-jährige schottische Pianist Steven Osborne ein fulminantes Husum-Debüt. Sein Klavierton hatte von der ersten Sekunde an Substanz, Charakter und Spannung. Charles-Valentin Alkans Esquisse op. 63 (1861) – Miniaturen voller Esprit, oft überraschend, mitunter experimentell, ja provokativ, doch stets mit einer präzisen Form- und Ausdrucksidee – modellierte er so abwechslungsreich und intelligent, dass man wusste: So muss es sein! Auch Rachmaninows 13 Préludes op. 32 erwiesen sich unter Osbornes mitdenkenden Händen als gehaltvolle Klaviermusik. Ähnlich kompetent erklangen George Crumbs postmodernes Processional (1983) und Nikolaj Kapustins hübsche Jazz-Préludes (1988). Für Jazzig-Improvisiertes hat Osborne überhaupt ein starkes Faible. Und seine Improvisation on a Tune you will probably know quite well war ein kleiner Geniestreich: Im Rittersaal wurde gestaunt, gelacht und getobt, als Osborne Joplins Entertainer enthüllte, falsch verschraubte und bis zum Durchbrechen der Schallmauer beschleunigte.

Zauber in Martinus Impressionismus

Dagegen war der Auftritt des Ukrainers Konstantin Lifschitz am Sonntagabend mit Werken vom aufdämmernden Frühbarock bis zur gemäßigten Moderne eine ausgesprochen ernste Angelegenheit. Nach hochkonzentriert und sprechend, im Klavierklang fein registriert gestaltetem Frescobaldi folgte der auf deutschen Konzertpodien noch zu entdeckende Bohuslav Martinu. Dessen impressionistisch getönter Zyklus Schmetterlinge und Paradiesvögel bezauberte, während das weit härtere Diptychon Fantasie et Toccata aus dem Kriegsjahr 1940 mit großem Aufriss, strawinskynaher Motorik und farbstark daraus hervorleuchtenden Akkordflächen und Melodiebewegungen packte. In Skrjabins frühen Etüden op. 8 – unüberhörbar noch Chopin verpflichtet, doch auf dem Weg zur Emanzipation – agierte er mit Emphase, doch minimal weniger perfekt, vor allem aber allzu wuchtig und dadurch eintönig. Warum gönnte er sich, Skrjabin und uns hier fast kein Pianissimo (Nr. 7!)? Dagegen faszinierte er in Nikolaj Medtners Sonata-Ballade op. 27, bei der unter anderem Chopin (As-Dur-Ballade) eigenartig hervorscheint und wieder verschwindet, mit außerordentlicher Innenspannung und Außenwirkung. Standing Ovations waren am Ende unvermeidlich.