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Konzerte in Kürze
Feinsinniges von Hamelin - Kraftvoll-forsches von Pace
shz-Kulturseite (Flensburger Tageblatt, Husumer Nachrichten und weitere Unterausgaben) vom 22. August 2002
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Klangliche Gigantomanie, zerrissene Strukturen, spätromantische Dekadenz - innovative Aufbruchstimmung, konfliktfreudige Experimentierlust, vorrevolutionäre Harmonieprovokationen: konträre Seiten der musikhistorisch ungemein virilen Epoche kurz vor dem i. Weltkrieg in Europa. Zwei bemerkenswerte Klavierabende im Rahmen des Husumer Festivals "Raritäten der Klaviermusik 2002 beleuchteten exemplarisch diese unruhig-spannungsvollen Zeiten: Der eher intellektuell-feinsinnige Kanadier Marc-André Hamelin nahm sich der Sonaten-Tradition Polens um 1911 an, während sich tags darauf der kraftvoll-forsche Italiener Enrico Pace mit dem russischen Klavierschaffen im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts beschäftigte. Trotz aller Unterschiedlichkeit: Beiden war eine das Publikum fesselnde, technische Souveränität und eine zwingende Gestaltungskraft zu eigen.
L. Godowsky's Sonate e-moll ist ein wahres Mammutwerk voller Tücken und Brüche. Es war Hamelins Verdienst, dass die manchmal an Rachmaninows gemahnende Harmonik und die gelegentlichen jazz-verwandten Akkordrückungen keinen süßlichen Kitsch aufkommen ließen. Im zweiten Werk dieses Abends, der A-Dur-Sonate von K. Szymanowskis, wird der Duktus insgesamt zupackender, die akkordischen Ballungen schärfer. Hamelin kostete die massiven Aufschwünge mühelos aus, ohne den durchgängiger Melos dieser Sonate zu vernachlässigen. Donnernder Applaus und etliche reizvolle Zugaben trotz drückender Sommerschwüle im Rittersaal.
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Kraftvoll-forsches von Pace
Enrico Pace, in Husum ebenfalls kein Unbekannter, unternahm in seinem Recital eine wahre "Tour d'horizont" durch die russische Klavierlandschaft der Umbruchzeit: triumphal klassisch noch die Zweite Sonate von A. Glasunow, der eine dichte, aber stets transparente Tonsprache mit wuchtigen Akkord-Passagen und symphonisch-anmutender Opulenz kombiniert. Dann N. Medtner, der etwas grüblerische Deutsch-Russe mit seiner G-Moll-Sonate von 1911: Ein eher kleinteilig-zerrissenes Werk voller Emotionalität und wütender Ausbrüche - ein mit allen pianistischen Schwierigkeiten gespickter Abgesang auf die Spätromantik.
Mit S. Prokofjews "Zehn kleinen Klavierstücken" von 1913 war man dann endgültig im 20. Jahrhundert angekommen: Ironisch, augenzwinkernd-heiter, grotesk und liebevoll zugleich dieses Kaleidoskop unterschiedlichster Stimmungen. Diabolisch-skurril und voller elementarer Wucht abschließend I. Strawinsky Feuervogel" in der Transkription von G. Agosti: mit welcher Bravour der Italiener am Ende seines kräftezehrenden Programmes diesen pianistischen Gewaltmarsch meisterte und dem Instrument die symphonische Energie eines großen Orchesters entlockte, war schlicht überwältigend. Ein grandioser Klavierabend!
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