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Weitere Raritäten der Klaviermusik in Husum
Zauberhände und Sachverstand
Kieler Nachrichten, Kultur aktuell, vom 23. August 2002
Der kanadische Tasten-Star Marc-André Hamelin, Auftritts-Spitzenreiter bei den Husumer Raritäten der Klaviermusik, hat eine ebenso uneitle wie phänomenale Gabe: Wenn er spielt, stellt sich mitunter der Eindruck ein, die Musik erklinge gleichsam von selbst. Das trug ihm am Montag im ausverkauften Rittersaal des Schlosses erneut stehende Ovationen ein. Die zwischen 1896 und 1910 komponierte, fast eine Stunde dauernde e-Moll-Sonate Leopold Godowskys fordert vom Interpreten fast Unmögliches an Ausdauer, Passagenbeweglichkeit, Sprungsicherheit und Gestaltungsintelligenz. Scheinbar ganz sachbezogen an den Tasten wirkend, legte Hamelin – live wohl noch eindringlicher als bei seiner CD-Einspielung – den Form- und Ausdrucksreichtum des unstreitig "großen", hörenswerten Werkes frei.
Es war eine (bis auf winzige Unebenheiten im Scherzo) superbe, unvergessliche Aufführung! Erhellend war der Vergleich mit Carol Szymanowskis fast gleich alter 2. Sonate op. 21 (1910/11). Sie gibt sich im ersten Satz harmonisch merklich moderner und lässt die Variationen des zweiten Satzes ebenfalls nicht ohne finessenreiche Fuge davonkommen. Durchstürmte Hamelin hier den Kopfsatz allzu forsch, so erreichte er im Finale annähernd wieder die differenzierte Intensität, mit der er bei Godowsky überwältigt hatte.
Der Italiener Enrico Pace, Husumer Neuentdeckung 2001, wurde am Dienstag mit russischem Programm abermals frenetisch gefeiert. Dem auf den ersten Blick eher klassizistisch anmutenden Notentext von Glasunows 2. Sonate op. 75 (1901) entlockte er verblüffende Treibkraft und Vehemenz (vor allem im Finale, das Schumann viel verdankt), opferte freilich dem großen Zug allzu viele leise Zwischentöne.
Die formal originelle g-Moll-Sonate op. 22 (1911) Nikolaj Medtners fasste er nicht weniger vital, doch erheblich feinfühliger an und überzeugte auch mit Prokofjews Kleinen Klavierstücken op. 11. Pianistischer Höhepunkt war jedoch Guido Agostis Klaviertranskription der Schlussnummern aus Strawinskys Feuervogel-Suite. Durch aberwitzige Aktionen beschwört das Klavier mit zwei Händen Klang und Schwung eines Riesenorchesters – zumindest wenn ein Künstler mit der schlafwandlerischen Virtuosität eines Pace zaubert.
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Am Mittwoch konnte der Brite Nicholas Walker trotz interessanten Programms nur teilweise an die Höhe seines 1999er Debüts anknüpfen. Walker ging Friedrick Kuhlaus B-Dur-Sonate op. 30, ein ausgesprochen "großes", rund 40-minütiges Werk, frisch an, konnte aber leichte Konzentrationsschwächen nicht verhehlen und blieb daraufhin in Richard Strauss' frühen, unüberhörbar an Schumanns Waldszenen orientierten Stimmungsbildern zu vorsichtig-betulich.
Weit mehr in seinem Element war Walker bei seinem Favorit-Komponisten Balakirew und bei Britischem, vor allem einem Ausschnitt der agilen, im rhythmischen Design ansprechend profilierten Etudes, Toccatas and Sonata von Timothy Bowers (der in Husum anwesend war) oder Charakterstücken des früh verstorbenen William Baines, die zwischen Skrjabin-Anklängen und freundlich-dissonanter Diatonik pendeln.
Anstelle des erkrankten György Sandor spielt heute Abend Frédéric Meinders unter anderem Werke von Schubert, Mendelssohn, Chopin, Gershwin und eigene Bearbeitungen.
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