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Konzeptionslosigkeit und Gestaltungswille
Zwei Gegensätze bei den Klavierraritäten
shz-Kulturseite (Flensburger Tageblatt, Husumer Nachrichten und weitere Unterausgaben) vom 26. August 2002
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Einen ganzen Sack voll unbekannten Komponistennamen hatte der britische Pianist Nicholas Walker zu seinem Rezital bei den "Raritäten der Klaviermusik 2002" nach Husum mitgebracht: Mit John Ireland, Timothy Bowers und William Baines hatte der Engländer einige seiner Landsleute im Programm, wobei vor allem die "Seven Preludes" von Baines von 1919 etliche überraschende und qualitätsvolle Momente enthielten. Hier schien der Pianist auch in seinern eigentlichen Element: das hatte Witz, Elan und Struktur, wurde überzeugend und technisch tadellos interpretiert.
Der Rest des Abends verlief dagegen enttäuschend: Walker schien streckenweise fahrig, fast konzeptionslos zu Werke zu gehen, gestaltete Fortestellen im Diskant eher grob als kraftvoll und hatte hörbare Probleme mit der Pedalbehandlung. Bei Kuhlaus B-Dur-Sonate von 1820 geriet manches oberflächig und fade, Richard Strauss' frühe "Stimmungsbilder" wirkten eher bieder und die abschließenden Piecen von Mili Balakirew untermauerten die Erkenntnis, dass dieses Mitglied des "Mächtigen Häufleins" nicht unbedingt der genialste Komponist war.
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Ein ganz anderer Eindruck am nächsten Abend: Kolja Lessing, ausgewiesener "Ausgräber" vergessener Klavierliteratur, nahm sich vor allem deutscher Komponisten an, die in den zwanziger Jahren Akzente gesetzt hatten. Lessing verkörpert den Typ des modernen intellektuellen Interpreten: technisch versiert, hochkonzentriert und fern von allen pianistischen Mätzchen - entsprechend "cool" und minuziös sein formaler Ansatz, kontrolliert brillant die technische Gestaltung.
Voller Melancholie und Ruhe waren die zwei Opernszenen von Franz Schreker, voll parodistischem Witz der Foxtrott von Felix Petyrek und das Capriccio Berthold Goldschmidts, düster die Sarabande von Philipp Jarnach. Höhepunkt des Abends war die Sonate c-moll von Karol RatIhaus aus dem Jahr I920: hier konnte Lessing seinen vorausschauenden Gestaltungswillen, feine dynamische Abstufungen bis zum donnernden Fortissimo und seine trockenduftige Anschlagstechnik in den Dienst eines rhapsodischen Werkes voller Originalität stellen. Vergessene, aber bedeutende Musik in einer exzellenten Interpretation!
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