Vorausschau auf Raritäten der Klaviermusik im Schloss vor Husum

Stefan P. L. Romansky schreibt in der Mai-Ausgabe 2001 der Zeitschrift "PianoNews" in einer Vorausschau zu bevorstehenden Klavierfestivals über die Husumer Klavierraritäten:

Nur wenige der Interpreten haben Husum-Erfahrung, die frischeste aus dem Vorjahr hat Konstantin Scherbakow, der sein 2000er Recital nach Husum - teils abgewandelt - durch die Fanszene getragen hat; am 20.08. spielt er wieder ein gewaltiges Programm: nach Rachmaninow (1. Sonate) und Frederic Rzewski (zwei "North American Ballades") sechs Schubert-Godowsky-Liedtranskriptionen und Strauß-Godowsky.

Frédéric Meinders, weltmännischer Niederländer aus Brasilien, knüpft - zufällig wieder am Abschiedsabend - voraussichtlich an sein überwältigendes Husum-Debüt von 1999 an (Highlights auf DACOCD 539!), mit einem wahrlich bunten Strauß an Originalwerken (so manches von Fauré), Werken von "Composer-Pianists" und - teils eigenen - Bearbeitungen. Der offizielle Teil soll schließen mit Meinders' "4 Studies for Piano based on Brazilian Songs".

In der Sonntagsmatinée (19.08.) stellen der Husum sehr zugetane Kieler Musikwissenschaftler Dr. Michael Struck und am Flügel Ina Peeken die Klaviermusik des Klassikers Johann Abraham Peter Schulz (1747-1800) vor, dessen "Der Mond ist aufgegangen" unsterblich geworden ist; ihn selbst kennt jedoch kaum jemand.

Ebenso reizt jeder nachgenannte Husum-Neuling. Die Eröffnung gestaltet der Wahl-Münchener Chilene Alfredo Perl, schon blutjung mit Claudio Arrau verglichen, mit Webers As-Dur-Sonate op. 39 (seinerzeit bei den großen Russen sehr beliebt), Schönbergs Suite op. 25, Ernst v. Dohnányis vier Rhapsodien op. 11 und Busonis schwungvollem (Orchester-) "Tanzwalzer" von 1921 in der Solobearbeitung des Busoni-Schülers Michael v. Zadora, von Perl eigens für Husum einstudiert - ein Herzenswunsch des Unterzeichners, da bisher nie in Aufnahme oder gar Konzert gehört.

Enrico Pace (19.08.), Jahrgang 1967, Wohnsitze in Rom und Paris, Schüler des großen Pädagogen Franco Scala, hat 1987 den Yamaha-Wettbewerb in Stresa, 1989 den Liszt-Wettbewerb Utrecht gewonnen. Kenner schwärmen von einem Berliner Konzertabend, in dem Pace unlängst eine der Historie nachgebildete unglaublich umfangreiche Franz-Liszt-Konzert"akademie" traumhaft mitgestaltet hat; er war außerdem erste Wahl von Ricardo Muti als Solist des gewaltigen Busoni-Klavierkonzerts in der Mailänder Scala. Pace bringt im ersten Teil gemäßigt Modern(istisch)es von Debussy, Jolivet und Hindemith (3. Sonate), nach der Pause Spätes von Liszt, Wagner-Busonis Götterdämmerung-Trauermarsch und Saint-Saens-Liszts "Danse macabre".

Der Römer Giovanni Bellucci *1965 kam erst mit 14 Jahren als Autodidakt zum Klavierspiel, wurde schon mit 16 als Solist in Liszts "Totentanz" gefeiert, gewann überraschend erste Preise im Busoni-Wettbewerb Bozen, bei "Königin Elisabeth" in Brüssel, beim Prager Frühling (1993), zudem den Casella-Preis der RAI und 1996 den "Wettbewerb der Wettbewerbsgewinner" in Monte Carlo. Seine CD mit Beethovens Hammerklaviersonate (assai 20814-2) war Gramophone-Editors' Choice Februar 2000; Liszt-Busonis Fantasie und Fuge über "Ad nos, ad salutarem undam", ebenfalls auf dieser CD, interpretiert er auch in Husum, eingerahmt von Verdi-Liszts "Aida-Fantasie" und drei Bellini-Paraphrasen von Thalberg (Beatrice di Tenda) und Liszt (Somnambula, Norma).

Der Finne Henri Sigfridsson, Weimarer Liszt-Sieger und aktiv in der Dortmunder Reihe "Best of ...", bringt uns zunächst drei Landsleute näher: Sibelius (Kyllikki-Suite op. 41, Klavierfassungen von "Valse triste" und "Finlandia"), Ilmari Hannikainen (1892-1955) und Einar Englund (*1916: seine Introduzione e Toccata von 1950); dann zwei weitere Skandinavier: Griegs "Peer Gynt" und Carl Nielsens Suite op. 45; zum Ausklang Mozart-Liszts "Don Juan".

Fredrik Ullén *1968, "nebenbei" Dr. phil. und Neurophysiologe, mit einem umfassenden musikalischen Hintergrund, ist hierzulande bisher nur Kennern von seinen BIS-CDs her vertraut; aktuell findet "Got a Minute" mit Chopin-Paraphrasen ("Minutenwalzer" etc., BIS CD-1083) besondere Beachtung. In Husum spielt er (23.08.) Bartok, Ligeti (Etüden Buch II), drei romantische Etüden der Schwedin Laura Netzel (1839-1927), Chopin-Bearbeitungen von Cortot, Michalowski, Joseffy und Sorabji, von letzterem auch "Pastiches" nach Bizet und Rimsky-Korsakov.

Der Kroate Kemal Gekic erregte in Deutschland erstmals 1998 Aufmerksamkeit durch sein sensationelles Naxos-Debut mit Rossini-Liszts "Soirées musicales". Er bringt (24.08.) eigene Bearbeitungen (Liszts Totentanz, 4 Szenen aus Prokofieffs "Romeo", Glinkas "Ruslan und Ludmilla"-Ouvertüre!!), Mussorgskys "Nacht auf dem kahlen Berge" (Bearbeiter noch ungenannt), zwei kurze Zyklen aus dem Bereich seiner Heimat (Marko Tajceviac und Boris Papandopulo), aber auch Chopins selten gehörtes "3. Klavierkonzert": das Allegro de Concert op. 46.

Die Auswahl fällt schwer; der Husum-übliche Insider-Tip: am besten die ganze Reihe buchen! Die Nachfrage ist von Jahr zu Jahr gestiegen, so daß der Veranstalter erstmals Sorge hat, nicht alle Kartenwünsche erfüllen zu können.