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Dynamit unter den Tasten
Packendes Debüt bei den Husumer „Raritäten“
Selbst der Husumer Himmel gab einen eindeutigen Kommentar: Mit Blitz, Donner und Wolkenbruch bestätigte er am Sonntagabend, dass Enrico Pace bei den diesjährigen Raritäten der Klaviermusik sein atemberaubendes Debüt gab – sicher eines der spektakulärsten in der 15-jährigen Raritäten-Geschichte. Das Frappierende am Spiel des 1967 in Rimini geborenen Pianisten waren nicht die Virtuositäts-Entladungen, sondern die Spannweite seines Musizierens.
Ganz auf Atmosphäre gespielt, mit einem Liniengeflecht, bei dem auch die Zwischenräume mitschwangen, erklangen gleich die Six Épigraphes Antiques von Debussy. Kunstgefügtes schlägt dort in Naturhaftes um. Das machte Pace so ungekünstelt-kunstvoll deutlich, dass man die Musik geradezu einatmete. Weitaus härter, rhythmischer, von bestürzender Körperlichkeit formte er danach zwei der Danses Rituelles von André Jolivet. Einem reinigenden Gewitter gleich kam – als musikalischer Höhepunkt des Abends – Paul Hindemiths 3. Klaviersonate daher: unerhört folgerichtig, zupackend, intelligent, aber auch abgeklärt und (jawohl!) mit Humor. Pace rückte das vitale Stück mitunter in die Nähe von Schostakowitsch - und das war gut so. Nach Wagner-Busoni und Liszt setzte Liszts Bearbeitung von Saint-Saëns Danse macabre den rasant-hintergründigen offiziellen Schlusspunkt. Dem folgten noch drei Zugaben – unter anderem Liszts 2. Ungarische Rhapsodie. Da steckte unter jeder Taste Dynamit! Antwort des Publikums: standing ovations. Wir haben Enrico Pace vermutlich nicht zum letzten Male in Husum gehört.
Alfredo Perl gehörte tags zuvor der Eröffnungsabend mit nicht minder interessantem Programm. Im Vergleich zu Pace wirkten seine pianistischen Mittel aber doch weniger vielseitig. Carl Maria von Webers reizvolle As-Dur-Sonate op. 39 etwa klang den Noten nach durchaus „richtig“. Doch sie fordert ja die Quadratur des Kreises von Natur-Aura und Sonaten-Denken. Da muss der Interpret über absolute Gestaltungsfreiheit gebieten, muss Zielgerichtetes blitzartig mit Flexibilität beantworten, muss der Musik Form geben und zugleich genügend Zeit zum Atmen lassen. Das gelang Perl teilweise, doch nicht immer (vielleicht hätte er nicht mit Weber beginnen sollen).
Die Suite op. 25, Arnold Schönbergs erstes komplettes Zwölfton-Werk, gehört zweifellos nach Husum. Perl machte die Anstrengung, die der Musik innewohnt, radikal deutlich, hatte für die Musette aber auch Charme zur Hand, soweit Schönberg charmant sein kann. Ernst von Dohnányis glutvollen Vier Rhapsodien op. 11 gab er die Intensität und Ernsthaftigkeit, die diese ehrgeizigen, aber doch etwas redseligen Stücke fordern; der abgefeimte Witz des C-Dur-Stückes (Nr. 3) kam vor lauter Ernsthaftigkeit aber ein bisschen zu kurz. Schien Busonis Tanzwalzer op. 53 (in Zadoras Klavierübertragung) in Perls Wiedergabe noch nicht voll ausgereift, betörte Alberto Ginasteras zugegebener Argentinischer Tanz durch melancholischen Charme. Doch selbst das ließ der Husumer Himmel noch unkommentiert.
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