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Zaubereien auf schwarzen und weißen Tasten
shz-Feuilleton vom 21. August 2001
Mit zwei Konzerten und einer Matinee startete am Wochenende erfolgreich die 15. Ausgabe der „Raritäten der Klaviermusik“ in Husum. Bis Sonnabend bringen hervorragende Pianisten selten gespielte Klavierwerke zu Gehör. Diesmal wird das Ereignis sogar auf einem Video-Film verewigt.
Wieder einmal „Raritäten der Klaviermusik im Schloss vor Husum“: Zum 15. Mal treffen sich hier die Fans der Kabinettsstückchen auf weißen und schwarzen Tasten, um an acht Abenden acht Spitzen-Pianisten zu lauschen, die spielen, was im normalen Konzertbetrieb nur selten oder nie zu hören ist.
Wieder mal gibt es viel Neues zu hören — und bald auch zu sehen: Von den 15. Husumer Klavierraritäten wird ein Werbefilm gedreht. Der soll künftig Besucher und Pianisten ins stimmungsvolle Schloss locken — und ist ab November bei der Stiftung Nordfriesland erhältlich.
Den ersten Abend bestritt also unter Videoüberwachung der 1965 geborene Chilene Alfredo Perl, den Kritiker schon mit Claudio Arrau verglichen haben. Perl näherte sich der Sonate in As-Dur CarI Maria von Webers mit hohem technischen Können, was den virtuosen Passagen in dem Werk zugute kam, das so einige Gemeinheiten für Pianisten bereit hält. Naturnähe, Freischütz-Ton und Mystik kamen bei der etwas eindimensional in Richtung Fortissimo ausgerichteten Dynamik Perls dagegen ein bisschen zu kurz. Dafür entschädigte der Vortrag von Arnold Schönbergs „Suite“, seinem ersten echten Zwölfton-Werk. Perl traf mit viel Stakkato-Technik sehr gut den intendierten Klang von Zupfinstrumenten wie der Gitarre und arbeitete bei hohem Spieltempo die zahlreichen rhythmischen Verästelungen und Gegenakzente prägnant hervor – was dem Publikum bestens gefiel.
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| Alfredo Perl |
Danach bediente Perl mit Ernst von Dohnányis „Vier Rhapsodien“ und Ferruccio Busonis „Tanzwalzer“ die Nachfrage nach hochvirtuoser Tastenkunst der letzten Jahrhundertwende. Dabei gefielen besonders die satirischen Übertreibungen in der dritten Rhapsodie sowie beim Walzer-Rhythmus im Busoni-Stück. Zwei Zugaben aus Perls südamerikanischer Heimat rundeten das Eröffnungsprogramm ab.
Am nächsten Morgen deckten die Pianistin Ina Peeken und der Musikwissenschaftler Michael Struck das Leben eines vergessenen Künstlers auf: Johann Abraham Peter Schulz (1747-1800), dessen Lied „Der Mond ist aufgegangen“ jeder kennt, ist heute als Tonsetzer zwischen Barock und Klassik weitgehend unbekannt. Seine Vielseitigkeit als Komponist, Musiktheoretiker, Kapellmeister und Pädagoge in Kopenhagen illustrierten die beiden Kieler in einer spannenden Mischung aus Vortrag und Konzert.
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| Ina Peeken und Dr. Michael Struck |
Der Abend wurde zum Triumph für den Italiener Enrico Pace, der wie Alfredo Perl ein Husum-Debütant ist. Schon mit Debussys „Six Épigraphes Antiques“ von 1914 begeisterte er das anspruchsvolle Schloss-Publikum. Eine extrem verinnerlichte Klanggebung, Töne im zartesten Pianissimo, geheimnisvoll verschleiert mit raffiniertem Pedalgebrauch, ließen die „Antiken Inschriften“ als Klangbilder voll mystischer Suggestion entstehen. Gleich darauf donnerte der 34-jährige Pace sich ekstatisch durch zwei zyklopische „Danses Rituelles“ des Franzosen André Jollivet. Ebenso hinreißend der Vortrag von Paul Hindemiths heute kaum noch zu hörender Sonate Nr. 3 von 1936, der in einer vital-schnellen Doppelfuge gipfelte.
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| Ernesto Pace |
Nach der Pause eindrucksvoller Theaterdonner: Busonis Transkription von Siegfrieds Trauermarsch aus Wagners „Götterdämmerung“. Und zum Schluss — natürlich — vier Werke von Franz Liszt: drei dynamisch wunderbar licht und spannungsvoll, aber auch sehr innig gestaltete Stücke aus den „Annés Pélérinages“, und die mitreißend plastisch gelungene Transkription von Camille Saint-Saents „Danse Macabre“. Da donnerten die Holzbohlen im Rittersaal. Pace legte mit zwei Kabinettstückchen von Liszt (Paganini-Variationen, Ungarische Rhapsodie Nr.2 und einem rasanten „Hummelflug“ nach – und verdiente sich damit stehende Ovationen. Fazit der Konzertbesucher: "Der darf gerne wieder kommen."
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