Der heimliche Star ist das Programm -

Husum hat ein kleines, feines Festival für Klaviermusik

Weser-Kurier Bremen vom 23. August 2001

Es ist grotesk. Auf CD gibt es heute Klaviermusik von einer Vielfalt und Bandbreite, die zu Zeiten der Schallplatte niemand für möglich gehalten hätte. Die Kataloge sind voll von unbekannten Werken unbekannter Komponisten, dank kleinerer Plattenfirmen wie Henssler, Hyperion, Pro Piano, Koch oder cpo, in denen man längst erkannt hat, dass die 77. Version der letzten Schubert-Sonate und die 93. Fassung der Appassionata nicht zu verkaufen sind, wenn nicht Alfred Brendel oder Maurizio Pollini auf dem Cover steht.

Im Konzertsaal jedoch geht es zu wie ehedem. Gespielt wird das seit Jahrzehnten gepflegte Standardrepertoire: Bach und Beethoven, Schumann und Schubert, Liszt, Brahms, Chopin, auch schon mal Debussy, Ravel, Rachmaninow, oder gar Albeniz, Skrjiabin, wenn die Nationalität des Solisten einen entsprechenden Farbtupfer im Programm nahe legt. Aber das war’s dann auch. Selbst renommierte Pianisten, die allein dank ihrer Namen die Säle füllen und deshalb Abstecher wagen könnten, beschränken sich aufs gängige Repertoire. Einer wie Pollini, der sich nicht scheut, einen ganzen Abend mit Schönberg, Berg und Webern zu bestreiten, ist die Ausnahme.

In Husum ist die Ausnahme die Regel - an acht Abenden hintereinander, mit acht Pianisten aus aller Welt und in dieser Woche zum 15. Mal. „Raritäten der Klaviermusik“ heißt das Festival, das 1987 von Peter Froundjian, Klavierdozent an der dortigen Kreismusikschule, ins Leben gerufen wurde. Trotz seiner guten Kontakte in der Musikszene war es ein kühnes Unternehmen, in einer Kleinstadt und einer Region, deren Bedarf an klassischer Musik erst ein Jahr vorher mit dem Schleswig-Holstein-Musikfestival umfassend abgedeckt worden war.

So schien es, aber die Musikfreunde aus Husum und umzu ließen ihn nicht im Stich, angelockt gewiss auch durch den Titel „Raritäten“, der eher an Clara Schumann und Carl-Maria von Weber denken lässt (die in Husum durchaus auch gespielt werden), als an Paul Hindemith, Arnold Schönberg, György Ligeti (die unter vielen anderen in dieser Woche zu hören sind). Finanziert wird das Festival heute zur Hälfte durch die Eintrittseinnahmen und zu je einem Viertel durch öffentliche Gelder sowie Sponsoren und einen Förderkreis aus 100 Menschen.

Die Kulisse ist eines Raritätenfestivals würdig, und das mag mit dazu beigetragen haben, dass der Start so gut gelang. Der Steinway steht im 400 Jahre alten „Schloss vor Husum“, das immer noch so heißt, obwohl es heute am Rande der hübschen Innenstadt liegt. Dank Holz und Isolierdämmung hat der „Rittersaal“ eine verblüffend gute Akustik, die noch gewinnt, wenn alle 160 Plätze besetzt sind.

Und das ist im Schloss vor Husum öfter der Fall, als es einem kurz entschlossenen Besucher lieb sein kann. Allein zwischen 80 und 90 Abonnenten pro Jahr buchen die gesamte Reihe. Zwei Drittel von ihnen kommen aus Schleswig-Holstein und Hamburg, ein Drittel aus Rest-Deutschland, Dänemark, England, Holland. Solche Besucher, die kommen, um zu hören und nicht, um gesehen zu werden, haben natürlich Qualitäten, die die Künstler zu schätzen wissen. Noch nirgends, gestand ein Pianist dem Leiter, habe er ein so ruhiges und aufmerksames Publikum erlebt wie hier. Kein Wunder, dass alle gerne wieder kommen. So wie der kanadische Virtuose Marc-André Hamelin (der am 10. November auch in Bremen spielt), den Froundjian schon 1988 zum ersten Mal engagierte, als selbst die Experten noch kaum seinen Namen buchstabieren konnten. Seitdem hat Hamelin jedes zweite Jahr im Schloss gespielt.

Die großen Pianistennamen sucht man in Husum zwar nicht vergebens, doch die Absicht hinter diesem Festival ist eine andere: „Unser heimlicher Star ist das Programm“, sagt Peter Froundjian. Und dem sind keine Grenzen gesetzt. Von unbekannten, erst spät aufgefundenen Haydn-Sonaten bis zu den Liedern der Bossa-Nova-Ikone Antonio Carlos Jobim und der radikalen Bearbeitung von „Down by the Riverside“ durch den amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski ist alles erlaubt, was selten und originell ist.

Apropos Bearbeitungen: Die zahllosen Kabinettstücke, die die großen Tastenlöwen wie Liszt und Busoni, Godowsky und Thalberg aus Orchesterwerken und Opernarien, Liedern und Wiener Walzern gezaubert haben, sind in Husum seit jeher ein gewichtiger Teil des Programms. Das Festival stellt hier eine Seite der Klaviermusik heraus, die in den großen Sälen kaum noch beleuchtet wird: die Lust am Spielerischen, an der Virtuosität, die der klassische Konzertbetrieb in die Zugaben verdrängt hat.

In der Sonntagsmatinee wurde in diesem Jahr „Der populäre Unbekannte“ bekannt gemacht. Johann Abraham Peter Schulz, ein Zeitgenosse Mozarts, war Hofkapellmeister in Rheinsberg und Kopenhagen. Zwei seiner Lieder haben ihn populär gemacht: „Der Mond ist aufgegangen“ und „Ihr Kinderlein kommet“, von ihm auf ein Frühlingsgedicht komponiert. Dass Schulz auch sehr reizvolle Klaviermusik geschrieben hat, wissen nicht einmal die Fachleute.

Aber mit Überraschungen muss im Rittersaal stets gerechnet werden. Als der Italiener Enrico Pace in dieser Woche zwischen Debussy und Saint-Saëns den klanggewaltigen, von Busoni bearbeiten Trauermarsch aus Wagners „Götterdämmerung“ in die Tasten drückte, wurde die Husumer Abenddämmerung von einem Gewitter erschüttert, das die mächtigen Bässe mit ebenso mächtigem Donnergrollen und die Tongirlanden im Diskant mit rauschendem Dauerregen anreicherte. Ein echter Trauermarsch für das Aufnahmeteam eines Radiosenders, aber eine echte Rarität der Klaviermusik.